Original

3. Februar 1926

Auch in Sachen der Musik behält der gesunde Menschenverstand seine Rechte.

Wir haben nun seit mehreren Jahrzehnten ein Musikkonservatorium.

Dies Konservatorium sollte, so hieß es bei seiner Gründung, das musikalische Leben in Stadt und Land anregen und fördern; die Freude an der Musik und das Verständnis für sie im Volk verbreiten und vertiefen. Man dachte sich die Zukunft so, daß es aus jedem Haus von Klavier, Geige, Flöte, Klarinette, Waldhorn usw. erklingen würde, „zahlreiche“ Familienväter berauschten sich im voraus an den Kammermusikabenden, die ihre Söhne und Töchter und die Söhne und Töchter ihrer Freunde und Bekannten wenigstens dreimal die Woche im trauten Heim veranstalten würden, usw. usw.

So weit sich überblicken läßt, ist wenig oder nichts davon eingetroffen. Der Geist der Musik geht lebendiger um in den Straßen von Fels, Wiltz, Vianden, als im Umkreis unsres Konservatoriums. Wo sich vier Privatleute zusammentun, um bei sich reihum Kammermusik zu machen, kann man sicher sein, daß sie in keinem Zusammenhang zum Konservatorium stehen.

Es gab eine Zeit, wo die gute alte Philharmonie sozusagen ganz allein den Bedarf der Stadt Luxemburg an Orchestermusik deckte. Sie gab schöne Konzerte, ihre Mitglieder bliesen und fiedelten aus reiner Liebe zur Kunst und sie brachte es fertig, daß Künstler von Weltruf den Weg zu uns fanden. Sarasate, Wilhelmj, Maurice Dengremont und andre traten in den Konzerten der Philharmonie auf, wir hörten Sänger und Sängerinnen und Klavierspieler höchster internationaler Klasse, die berühmtesten Quartette, die damals Europa und Amerika bereisten, wurden von der Philharmonie zu Konzerten in Luxemburg verpflichtet.

Heute hören wir auch zuweilen vorzügliche Solisten, aber was aus dem Ausland herangezogen wird, stammt meist aus dem engeren Freundes- und Bekanntenkreis des Konservatoriums-Direktors und hat sich draußen um seinen Ruhm und seine Werke verdient gemacht. Es würde nichts schaden, wenn dieser Kreis einmal durchbrochen würde.

Vom Orchester unseres Konservatoriums wird viel Gutes gesagt.

Ein Orchester ist ein Instrument, wie eine Orgel oder wie ein Blüthner oder Bechstein ein Instrument ist. Wenn auf einer Orgel oder einem Konzertflügel ein Stümper oder ein leidlich guter Virtuose oder ein wirklicher Künstler spielt, so merken die Zuhörer gleich den Unterschied.

Dasselbe trifft zu, wenn auf einem Orchester eir Künstler oder ein Handwerker oder ein Stümper spielt. Warum wurde den luxemburger. Musikenthusiasten nie der Genuß geboten, den ihnen eine Beethoven Symphonie, von einem wirklichen Meister dirigiert, bereiten würde? Von den Dirigentenaualitäten des Herrn Vreuls wurde nie viel Rühmliches bekannt, sein Vertreter soll ebenfalls kein besonders großes Format als Dirigent haben. Es müßte doch möglich sein, wenigstens für einmal eine anerkannte und wirklich hervorragende Kraft zu gewinnen, sei es auch nur des Maßstabes wegen. Zur Not dürfte man sogar daran denten, einen der besten deutschen Kapellmeister für ein Konzert zu verpflichten. In der Musik hat ein Volksganzes, aus dessen Geist Erscheinungen wie Beethoven, Mozart, Richard Wagner geboren sind, ein Recht, mitzureden, und wenn Richard Strauß in Frankreich Konzerte dirigiert, vergäben wir unserm Patriotismus nichts, wenn ein Landsmann von ihm eines Sonntagsnachmittags hier den Taktstock über dem Orchester unseres Konservatoriums schwänge.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-014-3119