Es war Kotzebue, glaube ich, der zuerst das Lustspiel geschrieben hat: Das Landhaus an der Heerstraße. Seine Lustspiele werden ihm von Jünglingen, die nach dramatischem Lorbeer gelüstet, so oft nachgeschrieben, daß es nicht überflüssig ist, heute festzustellen, wer sie zuerst geschrieben hat. Aber das ist eine andere Geschichte.
Im „Landhaus au der Heerstraße“ spielt die Hauptrolle selbstverständlich das Landhaus, darnach ein Schauspieler, der einem Liebhaber die Lust, das Haus zu kaufen, austreiben will, damit ein andrer Liebhaber leichtes Spiel hat. Dieser Schauspieler schlüpft nun aus einer Verkleidung in die andre und spielt dem ersten Liebhaber mit jeder neuen Rolle eine neue Unannehmlichkeit des Landhauses vor.
Nur von einem Nachteil des Landhauses an der Heerstraße, einem Nachteil, der heute sich zu einer Landplage ausgewachsen hat, war dazumal noch nicht die Rede: Vom Staub. Der Staub, den heute die Autos aufwirbeln, kann einem das schönste Landhaus an der schönsten Heerstraße verekeln.
So denkst Du, geneigter Leser, und so dachte auch ich. Bis ich dieser Tage von Dommeldingen nach Walserdingen über die Landstraße wandelte. Eine Staubwolke nach der andern glitt auf mich zu oder von mir fort, und der Kopf einer jeden war ein fauchendes Auto. Und am Straßenrand, sah ich, bauen sie unverdrossen ein Haus nach dem andern, eine Villa nach der andern, als ob es in der ganzen Welt kein Auto und keinen Staub gäbe.
In all diesen schmucken Häuschen an der Straße nach Beggen wohnen Menschen, wohnen also Hausfrauen, denen Staub auf ihren Möbeln ein Greuel ist. Wie können sich diese mit dem ewigen Staubgewölk abfinden, das nicht nur durch die offenen Fenster fliegt, nein, das heimtückisch durch die dünnsten Ritzen dringt, den Glanz des polierten Holzes trübt, sich in Vorhängen und Möbelbezügen festsetzt, das traute Heim schändet! Oder gibt es auch da eine Anpassung, ist es möglich, daß man sich an die Staubplage gewöhnt, gegen sie unempsindlich wird?
Und alle diese Menschen, die ihre Häuser an die Stanbstraße gebaut haben, hätten es doch so schön gehabt, sie brauchten ihr Heim nur dreihundert Meter weiter rechts, an den Wiesenweg von Dommeldingen nach Walferdingen zu verlegen. Da saßen sie der Natur im Schoß und waren der Zivilisation so nahe, wie an der Landstraße. Dieser Weg durch die Wiesen ist wie eine Gnade des Himmels und es ist schier unbegreiflich, warum sich die Leute nicht dort entlang ausiedeln mögen, wo sie vor jeder Belästigung sicher wären.
Aber so ist es, der Mensch ist ein Gewohnheits- und Gesellschaftswesen. Er hat das Bedürfnis, in Klumpen zu leben, er leidet an einer geistigen Platzfurcht; wenn es um ihn nicht wimmelt und summt, fühlt er sich hilflos allein auf weiter Flur. Geben Sie einmal acht, wenn Sie in einem großen, durchgehenden Eisenbahnwagen fahren, der bis auf Ihren Platz völlig leer ist: Ein Bäuerlein steigt ein, überblickt die sämtlichen Bänke, verschmäht die schönsten Eck- und Fensterplätze und hockt sich schließlich neben Sie. Nur um dem Gefühl des Alleinseins zu entfliehen. Herdentier.
Bebaut wird der idyllische Wiesenweg von Dommeldingen nach Walferdingen doch noch einmal, das ist sicher, aber erst muß die Hauptarterie (Achtung, Arterienverkalkung!) gefüllt sein. Und die ersten, die in die Wiese bauen, werden wieder erleben, was Frühling ist.