Original

6. März 1926

Du hast sicher schon eine Katze beobachtet, die in der Sonne auf dem Bauch lag und den Schwanz ringelte. War es nicht, als ließe sie ihre geschmeidige Katzenseele sozusagen in ihrem Schwanz ausklingen? Sie lauerte auf einen Vogel oder eine Maus, sie lag regungslos, aber ihre innere Bewegung mußte ein Sicherheitsventil haben. Das war der geringelte Schwanz.

Mir gegenüber saß in der Bahn ein Backfisch. Ein hübscher Backfisch, obendrein. Mit einer Rosenknospe von Mündchen. Und dieses Mündchen diente dem Backfisch zum selben Zweck, wie der Katze ihr Schwanz. Er ringelte sein Mündchen, wie die Katze ihren Schwanz. Unablässig. Er saß still und hing seinen Gedanken nach und ließ seine Backfischseele in dem Geringel seiner Lippen ausklingen. Bald waren sie gespitzt, bald gekniffen, dann schürzten sie sich zu einem flüchtigen Lächeln, dann schmollten, lockten, verachteten sie, dann war das ganze rote Mündchen eingelesen, wie der Rand eines Beutels, so dicht, daß alles Blut daraus wich, dann breiteten sich die Lippen gewährend wieder aus, zogen sich lauernd zur Seite, wie ein Tierchen, das zum Sprung ausholt, schoben sich spöttisch vor, bald verschwand die Ober-, bald die Unterlippe hinter einer schimmernd weißen Zahnreihe - das Ringeln wollte kein Ende nehmen. Ein ganzes Romankapitel ließ sich von diesen Backfischlippen ablesen. Doch seien wir diskret.

Der brutalste Verräter unsrer Seele ist unser Mund. Sie glaubt sich geborgen, da zieht er die Vorhänge grinsend zur Seite und zeigt sie nackt vor allem Volk. Die Augen, so bekanntlich der Spiegel der Seele sind, kannst Du schließen, Deinen Mund kannst Du nicht verhüllen, es sei denn, Du läßt Dir einen Schnauzbart darüber wachsen. Darum hat ja die Natur dem Mann den Bart gegeben. Er muß hinaus ins feindliche Leben, er muß seine Waffen heimlich tragen können, damit er nicht selbst jedem Feind seine Stärke oder Schwäche verrät. Aber der Mann, der einen Vollbart trägt, hat nur ein halbes Gesicht. Es fehlt nicht viel, so gliche er einer türkischen Haremssrau, von der man nur die Augen sieht. Die Mode der Bartlosigkeit kommt bezeichnenderweise aus Amerika, und da ist es Sitte, daß die Männer nicht nur die Münder, sondern auch die Revolver offen tragen.

Welcher Prozentsatz von der Bedeutung einer Physiognomie auf den Mund kommt, springt Dir sofort ins Bewußtsein, wenn Du Dir vorstellst, daß einer Deiner Bekannten, der bisher nur vollbärtig in die Erscheinung getreten war, plötzlich glattrasiert in sein Stammcafé käme. Welch ein Hallo! Selbst ein mausegroßes Muttermal, das er am Kinn hätte, würde nicht solches Aufsehen erregen, wie sein Mund. Jeder hätte das Empfinden, daß der Mann auf einmal nackt vor ihm stände. Dieser zum ersten Mal in seiner ganzen Wesenheit dargebotene Mund wäre wie eine Offenbarung, wie ein Selbstbekenntnis. Von jedem Bestandteil des innern Menschen würden diese Lippen künden, von Roheit, Sinnlichkeit. Verweichlichung, Mut, Verschlagenheit, Verträumtheit, Energie, Offenheit, Heimtücke, Schweigsamkeit und Schwatzhaftigkeit.

Die Seele bildet ihren Körper. Darum haben die Frauen durchweg schönere Münder, als die Männer: Weil sie sie nicht unter einem Schnurrbart verstecken können. Da ihre Seele den Mund als ihren Verräter kannte, bildete sie ihn durch die Jahrtausende so, daß er so wenig wie möglich von ihr nach außen verriet. Und wenn die Männerwelt einmal Jahrtausende lang sich den Bart hat scheren lassen, wird auch der Männermund nicht mehr mit derselben brutalen Offenheit den Charakter seines Besitzers ausrufen.

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    Katalognummer BW-AK-014-3122