Original

7. März 1926

„Öffentliche Meinung!“ feixte Grimmberger und zuckte verächtlich die Achseln. „Unsinn, von einer Generation der andern nachgeplappert. Diese sogenannte öffentliche Meinung ist so wenig öffentlich, wie sie eine Meinung ist.“

„Wie meinen Sie das, Herr Grimmberger?“

„Wie ich das meine? So passen Sie auf. Angeblich entsteht die öffentliche Meinung durch Addierung der Einzelmeinungen aller oder doch der meisten Bürger. Wenn nun aber der einzelne Bürger keine Meinung hat - und er hat keine! - so können Sie addieren, so lange Sie wollen, es kommt nichts dabei heraus. Wenn Zehntausend nichts haben, so haben sie eben nichts, und wenn sie Hunderttausend wären. Addieren Sie 50 000 Nullen, so kommt noch nicht eine einzige armselige Eins heraus.

Diese Meinung aber, die keine ist, kann also auch nicht öffentlich sein, schon weil sie nicht besteht. Sie wird erst Meinung und öffentlich, wenn die Presse sie als Kronzeuge anruft. Sobald in einer Zeitung steht: Die öffentliche Meinung ist dafür, daß in Zukunft die Hebammen Uniform tragen!, so ist der Stein im Rollen. Ich möchte sagen, die öffentliche Meinung ist ein Sta, in den erst Bewegung hineinkommt, dessen tote Last erst zur lebendigen Kraft wird, wenn sein Wasser durch die Turbinen der Presse läuft.“

„Ich kann nicht mit Ihnen einverstanden sein, Herr Grimmberger. Du choc des idées usw. Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, man muß sie hören beede.“

Er sah mich heimtückisch von unten herauf und von der Seite an:

„Sie scheinen nicht zu ahnen, was Sie eben für einen Blödstun im Quadrat von sich gegeben haben. Ihre berühmte öffentliche Meinung ist ja eben nur eines Mannes - oder eines Weibes Rede, denn sie ist nicht umsonst weiblich. Es ist die Rede jenes unheimlichen, unfaßbaren, unüberwindlichen, unergründlich dummen und eingebildeten, boshaften und verantwortungslosen Wesens, das in einem alten spanischen Schauspiel El Gran Galcotto heißt. Ein Sammelwesen aus einer gallertartigen Masse, ohne Bestand, ohne Konsistenz. Packen Sie zu und sie zergeht Ihnen zwischen den Fingern. Geben Sie mir eine öffentliche Meinung, die nach Südwesten zeigt, ich halte mich stark, sie in zweimal 24 Stunden nach Nordosten umzubiegen.“

„Ich habe es schon anders gehört, Herr Grimmberger. Ich habe gehört, die öffentliche Meinung sei wie eine Mausefalle, was einmal drin sei, komme nicht mehr heraus.“

Wieder feixte er höhnisch.

„Jawohl, wenn Sie darauf bestehen, die Maus durch dasselbe Loch herauszuhoken, durch das sie hineingeschlüpft ist. Aber jede Mausefalle hat seitwärts eine Tür, bei der man den Speck hinein und die Maus heraus tut.“

„Sie sind hart gegen Ihre Mithürger, Herr Grimmberger.“

„Was wollen Sie! Ich stehe der öffentlichen Meinung gegenüber, wie einem Männergesangverein. Wenn der einzelne Mann keine Stimme hat, hilft es nichts, daß sich achtzig zusammentun, um Schäfers Sonntagslied von sich zu geben. Warum sollen achtzig Holzeimer zusammen klingen, wie Glockengeläut, wenn dem einzelnen Holzeimer nur Mißtöne zu entlocken sind?“

Do konn mer nix mochen!

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    Katalognummer BW-AK-014-3123