Original

19. März 1926

Welches ist der schönste Tag im Jahr?

Ich zögere keine Serunde mit der Antwort.

Der schönste Tag im Jahr ist der Tag im März, an dem man zuerst ohne Überzieher ausgeht.

Nach langen, talten, stürmischen oder dumpfen Regentagen zuerst wieder blanker Sonnenschein über Dächern und Äckern. Die Wolken wollen vor blendend weißen Licht platzen, die Veilchen kichern in ihrem Versteck, wie rote Hundezünglein stößt es überall aus der brannen Gartenerde. Da nimmst du den Hut vom Ständer, greifst einmal nach dem Wintermantel und sagst: „Ach was, heute wird der Sonne zu Ehren ohne Mantel gegangen.“

Und dir ist in der Märzsonne zumut, wie dem Hartrieglstrauch, der all seine hellgelben, hauchzarten Blüten ins Licht hält. Aber dann beschleicht dich doch beschämend das Empfinden, daß du einem treuen Wesen mit schnödem Undank lohust.

Eine der schönsten Stellen aus Puccini’s „Vie de Rohèwe“ ist das Abschiedslied an den alten Flausrock. Und du hast deinem guten, braven, betulichen Wintermantel so brutal den Laufpaß gegeben! Beim ersten warmen Sonnenstrahl hast du alles Gute vergessen, das er dir in bittrer Winterkälte angetan hat, und du läßt ihn einsam an seinem Haken hängen. Und dach hätte auch er wahrscheinlich gerne sich die Frühlingssonne auf den Buckel scheinen lassen, wie sie einst auf weiter Flur den Schafen auf den Rücken schien, aus deren Wolle er gemacht ist. Wie hättest du ohne ihn dich gegen die perfiden Bisse des Frostes geschützt, wohin deine Hände gesteckt, wenn nicht in seine Taschen, worein Hals und Kinn und Wangen und Ohren geborgen, wenn nicht in seinen Kragen? War er dir nicht Bett und Mutterschoß, Schützer und Lebensretter? Und nun freust du dich, ihn los zu sein, nun wird er eingekampfert und in den Mottenschrank gehängt, bis du ihn wieder brauchst. Ist es denn wirklich so, daß immer im Leben des einen Eule der andern Nachtigall sein muß?

Es gab eine Zeit und es gibt sie noch heute in gewissen Kulturkreisen, wo der schönste Tag nicht auf Kosten des Wintermantels geseiert werden konnte und kann, weil dort die Menschen überhaupt keine Überzieher haben. Es sind noch keine fünfzig Jahre her, da galt auf dem Dorf - das heißt dort, wo die Eisenbahn nicht hinkam - der Überzieher als Luxusgegenstand, als Privileg der Reichen und Vornehmen genau wie heute das Automobil. Ein Bauer im Überzieher war eine Sehenswürdigkeit, seine Dorfgenossen zeigten mit Fingern hinter ihm drein und berechneten heimlich, was ihn das Ding wohl gekostet haben mochte und wie er es schaffte. Eine Ungeheuerlichkeit gradezu schien es, daß einer mehrere Überzieher haben könnte, einen für den Winter, einen für den Sommer, einen für die Zwischensaison, einen für die Jagd u@ einen für Gala, einen für wenn’s regnete und einen für wenn die Sonne schien. Das war grade so, wenn einer ein Stadthaus und ein Landhaus, ein Jagdschloß, eine Villa am Meer und noch verschiedene andre Behausungen haben müßte, für jeden Monat im Jahr eine andre. Des Bauern Überzieher war sein wollenes Halstuch, war ihm warm um den Hals, so war ihm warm überall - freilich mußte er dann aber auch zwei Paar Hosen übereinander und unterm Kittel eine dicke gestrickte Wolljacke tragen.

Und der Tag, an dem er Jacke und Halstuch an den Nagel hängte, war ihm schwerlich der schönste im Jahr, denn die Sonne, die uns den Reigen der Freude führt, ist seine Tyrannin.

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    Katalognummer BW-AK-014-3133