Da haben wir’s! In Genf haben sie also den vielstimmigen, allzu vielstimmigen Männerchor: Wer hat dich, du schöner Völkerbund! knapp vor der Schlußstrophe abgebrochen und nun fahren sie mit ihren Notenblättern nachhaus und Gott weiß, was aus der gepriesenen Harmonie wird.
Also die letzte Fuge vor dem großen, entscheidenden Zusammenschluß hat versagt.
Es sind billige a posteriori-Lorbeeren, wenn man heute behauptet, man habe das gleich gesagt und man habe das Fiasko schon von Anfang an kommen sehen. Aber es ist eben auch eine billige Wahrheit, daß zu viele Köche den Brei verderben.
Nach dem Weltkrieg ging es uns ein, daß Europa dauernd und endgültig befriedet werden muß, soll nicht die Welt in Trümmer gehen. Oder so ähnlich. Darum griffen wir eifrig die Idee des Völkerbundes auf. Es schien uns der Embryo jener supranationalen Organisation, die über den Staaten entstehen muß grade wie der Staat über den Individuen entstanden ist.
Aber wir dachten dabei nur an die Befriedung Europas, weil Europa allein von allen Weltteilen für den endgültigen Frieden reif ist. Europa hat in Jahrhunderte langer Entwicklung durch alle die Kinderkrankheiten hindurchgemußt, durch die die Gemeinschaften wie die Individuen hindurchmüssen. Es hat sie überstanden, andre stecken noch mitten drin. Vielleicht kommen sie rascher darüber weg, als Europa, weil auch diesen Kinderkrankheiten der Kulturgemeinschaften gegenüber die Wissenschaft heute wirksamere Mittel kennt, aber jede Genesung und jede Entwicklung muß ihre Zeit haben.
Es gibt eine Kinderstube für die Völker wie für die Einzelnen. Europa hat Kinderstube, die andern mögen Erziehung haben, Kinderstube haben sie nicht. Der vornehmste Brasilianer zeichnet sich in der Pariser Gesellschaft oft durch die Besonderheiten aus, die ihm den Namen Rasta eingetragen haben.
Das Ideal der Friedensenthusiasten war nach dem Krieg das übernationale Gebilde, das schon lange als „Vereinigte Staaten von Europa“ die Sehnsucht der europäischsten Europäer gewesen, von dem Paul Eyschen, der Europäer par excellence, schon dreißig Jahre vor dem Weltkrieg geschwärmt hatte. Warum also den Völkerbund nicht vorderhand auf Europa beschränken? Wir hätten mit unserm Gewitterwinkel Balkan schon reichlich genug gehabt, warum ersuchten wir die Störensriede andrer Weltteile, darunter alle die Rastelbinder, Schlawiner, Mausfalli von Übersee, sich mit uns an den Tisch zu setzen, da wir hätten wissen können, daß sie Krakehl anfangen würden!
Es bleibt also nur eins übrig. Das ist leider so einsach, daß es, wie alles Einfache, nie gemacht wird. Und das wäre, von vorne anzufangen und einen europäischen Völkerbund zu schließen, der notgedrungen in die festere Form der „Vereinigten Staaten von Europa“ münden würde
Dann wäre wenigstens unter uns Europäern der Friede gesichert. Wir sind, wir allein, reif dafür. Und halten wir Frieden unter uns und stehen wir zusammen gegen jeden Angriffslustigen von außen, Franzosen, Engländer, Deutsche, Belgier, Österreicher, Italiener, Holländer, das europäische Rußland nicht ausgeschlossen, dann mögen sie über den Niedergang des Abendlandes vaticinieren, so lange sie wollen, dann kann uns keiner an die Wimpern klimpern.
Wenn es nur nicht so verflucht einfach wäre!