Auf der Treppe, die von der Dreikönigostraße nach dem Knuedlergarten hinaufführt, begegnete mir ein junges Mädchen.
Sie hatte sich auf dem Markt eine schöne Blutorange gekauft, die sie zu schälen im Begriff war.
Sie schlug erst die Zähne, dann die Nägel hinein. Sie erinnerte an eine französische Carmen-Sängerin, die in der Szene bei Lilas Pastia - draußen am Wall von Sevilla - auch jedesmal eine Apfelsine zu schälen pflegte und dasselbe Verfahren dabei anwandte, weil sie so schöne weiße Zähne hatte.
Das junge Mädchen, das mir auf der Knuedlertreppe begegnete, klaubte ein breites Stück Schale von ihrer Blutorange und warf es achtlos auf die Treppe.
„Fräulein,“ gestattete ich mir sie anzureden, „das sollten Sie nicht tun.“
„Was sollte ich nicht tun?“ fragten ihre erstaunten braunen Augen.
„Sie sollten keine Apfelsinenschalen auf den Boden werfen! Wie leicht könnte jemand darauf treten, ausgleiten und ein Bein brechen!“
Das schien sie zu belustigen. Sie faßte meine Mahnung offenbar als einen originellen Annäherungsversuch auf und brach in ein spöttisches Lachen aus.
„Was Sie nicht sagen! Sind Sie schon einmal ....“
„Nein, Fräulein,“ entgegnete ich, indem ich tiefsten sittlichen Ernst markierte. Ich nicht. Aber ein Freund von mir. Er glitt auf einer Apfelsinenschale aus, und als er aufstand, merkte er, daß er ein Bein gebrochen hatte und mußte sechs Wochen in der Klinik liegen. Noch heute tut ihm bet jedem Witterungsumschlag das Bein an der Bruchstelle weh.“
Sie lachte wiederum äußerst despektierlich.
„Sagen Sie Ihrem Freund, wenn er über eine von meinen Apfelsinenschalen zu Fall kommt und wieder ein Bein bricht, so werde ich ihn gratis gesund pflegen.“
„Nett von ihnen. Aber mein Freund ist schon verbeiratet.“
Das nahm sie mir übel.
„Überhaupt, mein Herr, wie kommen Sie dazu, mich hier so ohne weiters zu stellen und zu belästigen!“
„Oh, bitte, ich meinte es gut, ich dachte, Sie hätten soviel Rücksicht auf Ihre Mitbürger ....“
„Muten Sie mir zu, ich soll im Jahrhundert der Zentralheizung meine Orangeschalen in die Tasche stecken und mit mir herumtragen, bis ich zu einem Ofen komme, in dem ich sie verbrennen kann? Dafür ist die Stadtverwaltung da, sie bezahlt Leute, die für die öffentliche Sauberkeit sorgen. Adieu, mein Herr!“
Dabei streute sie schnippisch die letzten Schalen weit über die Stufen der Treppe umher und entschwebte.
Eine halbe Stunde später.
Dasselbe junge Mädchen begegnet mir an derselben Stelle. Ich komme grade recht, um ihr die Hand zu reichen, wie sie mit einem Fuß auf einer ihrer Blutorangeschalen ausgleitet. Aber ich kann nicht verhindern, daß sie äußerst unsanft niederkommt.
Der Hut ist ihr dabei über die Augen gerutscht, so heftig war das Aufsitzen. Aber sie trägt es mit Humor.
„Es ist kein edlerer Teil verletzt,“ sagt sie rasch gesaßt, indem sie mit beiden Händen den Teil betastet, den sie nicht zu den edleren rechnet.
„Danke schon für Ihre Hilfe. Adleu. Und bringen Sie es nicht in die Zeitung.“
Diese Geschichte hat keine Moral. Es ist eine einfache moral- und pointelose Geschichte. Sie ist wie eine Kopfzeitung, die von jedem nach Bedarf ergänzt werden kann, sie ist wie ein Stiel, auf den jeder sich das moralische Werkzeug stecken kann, das er für geeignet hält: Hacke, Spaten, Axt, Besen, nach Belieben. Der eine wird sagen: Hütet Euch vor den Apfelsinenschalen junger Mädchen! Der andre wird von der Tücke des Objekts reden, ein dritter wird den Zeigefinger erheben und sagen: Aha, bestrafter Leichtsinn! U. s. w., u. s. w.
Mir genügt es, daß ich die Geschichte nicht in die Zeitung gebracht habe.