Wir werden also eine städtische Berufsberatungsstelle in Luxemburg haben.
Die Meldung hat im Grund genommen etwas Beschämendes und Beunruhigendes, nicht nur für uns. Denn der Berufsberatungsrummel geht zurzeit durch ganz Europa.
Er kam nach oder schon mit dem Taylorsystemrummel. Losung: So viel wie möglich herausholen! Keine Kraft vergeuden durch falsche Weichenstellung oder Unwirtschaftlichkeit. Alles herausholen aus dem Menschenhirn, dem Menschennerv, dem Menschenmuskel, alles herausholen aus Wasser, Himmel und Erde, Öl aus dem Lehm, Kali aus der Luft. Pferdekräfte aus den Gezeiten.
Ist das nicht, wie in einem Haushalt, wo schlecht für Verproviantierung gesorgt ist und wo sie anfangen, aus allen Schubladen die Krumen und Krümchen zusammenzuscharren?
Da die Berufsberatungsfrage in einer zwar nichtpolitischseinsollenden und trotzdem politischseienden Versammlung zur Debatte stand, mußte es zu scharfen Meinungsgegensätzen kommen. Aber wie so oft, redete man auch hier aneinander vorbei.
Die einen sagten: Sie übernehmen leichtfertig eine schwere Verantwortung, indem Sie Kindern zur Wahl von Berufen raten, in denen sie sich später unglücklich fühken.
Die andern sagten: Mit nichten! Wir wollen keinem zu einem Beruf raten, sondern nur von dem Beruf abraten, zu dem er nicht die Veranlagung hat.
Eigentlich meint man also vorläufig nur eine Berufsabratungsstelle.
Später soll dann eventuell das psychotechnische Obergeschoß draufkommen und den Bau vervollständigen. Dann wird man in der Lage sein, der berufsuchenden schulentlassenen Jugend nicht nur negativen, sondern auch positiven Rat zu geben.
Man wird nicht mehr bloß sagen können: Du taugst nicht zum Chauffeur, weil deine Sehkraft 75 Prozent Unterbilanz anzeigt, sondern auch: Du wärst großartig als Chauffeur, weil .... und dann das Ganze mit Reflex und Reaktion und Rerven und Innervierung und allem Einblick in die physiologische Haushaltung des Betreffenden.
Dann wird die große Scheidung vorgenommen in Böcke und Schafe, in Intellektuelle und Manuelle. Damit muß natürlich der Anfang gemacht werden, aus allgemein ökonomischen Gründen.
Vielleicht - vielleicht! wird dann durch die Berufsberatungsämter sogar die soziale Frage gründlich gelöst. Vielleicht wird dann die reinliche Scheidung konsequent und unerbittlich durch alle Geschlechterreihen durchgeführt, sodaß nicht mehr durch gesellschaftliche Endosmose und Exosmose die beiden Kategorien durcheinander geraten.
Es ist ja nicht so schlimm, daß mal ein Manueller unter die Intellektuellen gerät und ihnen zeigt, wie man eine Finanzreform praktisch anfaßt, genau, wie man einen Hammer, eine Zange, eine Säge am besten handhabt.
Bedenklicher ist es schon, wenn ein Intellektueller - der ja nicht notgedrungen intelligent zu sein braucht und irgendein dekadenter Ausläufer sein kann - unter die Manuellen gerät und ihnen mit krausen Gehirnerzeugnissen die Köpfe verdreht.
Wenn die Berufsberatungsämter das verhindern könnten, wäre eine Verständigung und Einrenkung sehr erleichtert.
Wie nun aber, wenn die Berufsberatungsweisen bei einem ihrer Kandidaten die Eignung und Neigung zu gar keinem Beruf heraustifteln können?
Ja, für solche Fälle haben wir heute den Kongo.
Früher hatte man das Schiff. Einer, der zu allem zu dumm oder zu faul oder zu dumm und zu faul zugleich war, den schickte man aufs Schiff.
Entweder taten Sturm, Tauende, Skorbut und sonstige Annehmlichkeiten einer langen Seefahrt ihre Schuldigkeit und machten aus dem Strick etwas Tüchtiges, wie aus dem Kipling’schen Helden der „Captains Courageous“ oder das Ende war SingSing.
Ganz zuletzt aber kann einer immer noch Journalist werden. Oder Dichter. Oder haben die Berufsberatungsämter auch dafür eine Rubrik?