Original

1. April 1926

Heute morgen mit Sonnenaufgang begann wieder die Zeit, in der sich zeigen muß, wer am klügsten ist, die Forelle oder der Fischer.

Mensch und Tier frißt, um zu leben. In der Zeit, die heute morgen mit Sonnenaufgang begonnen hat, soll die Forelle fressen, um zu sterben.

Es ist gemein vom Fischer, derart die ewigen Naturgesetze umzustülpen!

Der großen Zahl der Fischer steht die geringe Zahl der Nichtfischer mit Gefühlen gegenüber, die sich in zwei große Richtungen scheiden. Die einen verhalten sich spöttisch, die andern gleichgültig bedauernd. Die einen sagen mit Alphonse Karr: Eine Angel ist ein Werkzeug, an dessen einem Ende une petite bête, an dessen anderm Ende une grosse bête sich befindet. - Die andern sagen kopfschüttelnd: Ich hätte die Geduld nicht!

Ein Bauer von Merl stand eines Tages vor dem Schaufenster von Segers in dem ein Bild von Munkaesy ausgestellt war. Er schüttelte den Kopf und sagte ebenfalls: Ich hätte die Geduld nicht!

Daß zum Fischen in erster Linie Geduld gehört, ist eine Auffassung, an der bekanntlich zu einem großen Teil kein anderer als Goethe mitschuldig ist. Gehört zum Lotteriespiel, zum Skat, zum Ecarté, zum Baccarat, zur Neulette - gehört ’da in erster Linie Geduld? Na also! Und dennoch ist beim Skat und all diesen Spielen das Sitzen obligatorisch, während der Sitzsischer eine Gattung repräsentiert, die als Fischer von heute morgen, Sonnenaufgang ab kaum noch mitrechnet.

Goethe hatte von Angelfischerei keinen Dunst, sonst hätte er nicht gedichtet: Ein Fischer saß daran - Sah nach der Angel ruhevoll - Kühl bis ans Herz hinan. Alle, die heute morgen nach Tagen und Wochen heißen Sehnens und geschwollener Erwartung - alle haben in diesen Nächten den Traum von der Vierbisfünspfund-Forelle geträumt - alle diese, die heute mit den ersten Zügen wasserwärts streben, zucken verächtlich die Achseln Saß! Wo sie von 9 Uhr margens bis 7 Uhr abends, zehn geschlagene Stunden, auf den Beinen sind, ihre Angel zu werfen! Ruhevoll! Kühl bis aus Herz hinan! Herr Geheimrat, haben Sie ’ne Ahnung!

Na, es geht ja noch, wenn einer das Fischen mit der latenhaften Bemerkung abtut, er habe dazu nicht die Geduld.

Aber mitleiderregend wirkt es, wenn einer, der nicht weitz, was ein Vorfach oder was eine Maifliege oder eine Wassermade ist, den kundigen Thebaner herausbeißt und von einem seiner Freunde erzählt, der die Fliege 40 Meter weit auf ein Lindenblatt wirft. Mit diesem Herrn wetten Sie ruhig eine LuxusAngelrute von zwanzig Pfund Sterling, daß er nach dreijährigem Training seine Fliege nicht zwölf Meter weit in die Mütze meines Freundes Yabbo werfen wird, zu der bekanntlich das Maß um den Kiosk auf dem Paradeplatz genommen wurde.

In diese Kategorie der überlegenen Alleswisser gehört auch der Nichtfischer, der über alle Fischer und seinem Angelzeug diskret lächelt und sie als Sonntagsfischer in Bausch und Bogen abtut. Er kennt den Wollklos aus der Schlinder, der fischt jahraus jahrein mit einer Gerte, die er aus einer Haselstaude im Wald geschnitten und mit einer Spitze vom Zweig eines Holzapfelbaums versehen hat. Und dem soll einmal einer mit der teuersten Steel Centre Palakona Gesplißten von dem besten englischen Maker das Wasser reichen!

O ja, der Wollklos ist ein guter Fischer, aber wer weiß, ob er nicht ein noch viel besserer Fischer wäre, wenn er gutes, ganz gutes Gerät hätte?

Ein Sportfischer ist er jedenfalls, aus Neigung und aus Freude an der Kunst.

Ein sogenannter Topffischer mag an einzelnen Tagen mehr heimbringen. Beim Kegelschieben kommt es ja auch darauf an, wer die meisten Kegel umwirft. Und die meisten Kegel wird der umwerfen, der mit beiden Füßen ins volle Spiel hineintritt. Aber der andere, der mit kunstreichem Schwung und dem richtig dosierten Effekt jeden Bauer, jede Dame vom Mal aus umlegt, der hat von einem Kegel mehr Genuß, als der andere von allen Neunen. Der Sportfischer hat sich, auch wenn er mit leerem Korb abschließt, einen Tag lang an der Ausübung einer körperlichen Geschicktheit gefreut, er tröstet sich in dem Gedanken, daß er es in seiner Kunst ein wenig weiter gebracht hat. Der Aasfischer aber hat seinen Tag ganz und gar verloren, wenn er nichts fängt.

Dies alles soll nicht aufgefaßt werden als eine Propaganda für die Sportfischerei. Denn Dr. Hanns Schindler hat tausendmal recht, wenn er im Februarheft seines trefflichen „Sportfischer“ schreibt:

„Wir brauchen keine Propaganda für die Sportfischerei. Wir brauchen lediglich eine Propaganda gegen die Verbauungen und Vergiftungen unserer Gewässer und gegen alle andern uns allen leider so wohlbekannten Schädigungen, denen die Fischerei und die Fischwirtschaft ausgesetzt sind. Machen vielleicht die Jäger Propaganda, um noch mehr Jäger auf ihre Reviere zu ziehen? .... Ich denke, sie werden ganz allein mit dem Abschusse fertig und es wird hier schon manchmal vielleicht mehr geleistet, als den Jagden zuträglich ist. Trifft dieses aber schon auf die Jagden zu, um wieviel mehr noch auf die Fischerei!“

Also bitte, Schaffner, hängen Sie das Schild „Besetzt!“ heraus.

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    Katalognummer BW-AK-014-3144