In einer amerikanischen Zeitung stand dieser Tage folgender Aphorismus:
Wer da behauptet, die Frauen können kein Geheimnis wahren, hat noch nie eine gefragt, wie alt sie ist.
Warum stehen eigentlich die Frauen im Ruf, ihr Alter verheimlichen zu wollen? Bei richtigem Zusehen merkt man, daß heutzutage die Männerwelt dieselbe Scheu vorm Geburtsschein an den Tag legt. Aus törichter Verblendung.
Aber bleiben wir vorläufig bei den Frauen. Sie machen sich nicht klar, Gnädigste, wie es wirkt, wenn Sie sich um einen Zehner jünger machen wollen. Sie scheinen die Jugend an und für sich als etwas Kostbares zu werten und schätzen sich im Besitz dieses Kostbaren, wenn Sie andern einreden, Sie seien fünfundzwanzig, statt fünfunddreißig. Aber das Kostbare ist nur das Ergebnis der Division Ihres Aussehens durch Ihre Lebensjahre. Oder anders herum: Sehen Sie älter aus, als Sie Ihrem eingestandenen Alter nach aussehen müßten, so sind Sie aus weniger kostbarem Stoff, als wenn der Fall umgekehrt läge. Sagt eine Vierzigerin, die frisch und elastisch aussieht, daß sie vierzig ist, so wird sie bewundert; behauptet sie, sie sei dreißig, so findet niemand dabei etwas Außerordentliches. Die Runzeln einer Siebzigerin, durch siebzig dividiert, lassen einen geringeren Rest, als wenn sie durch fünfzig geteilt würden.
Darum, Gnädigste, bilden Sie sich nur ja nichts darauf ein, wenn im Warenhaus eine Verkäuferin Sie beharrlich Fräulein tituliert. Am allerwenigsten, wenn es aufrichtig gemeint ist und das junge Mädchen Sie wirklich für ein Fräulein hält. Sie ahnen nicht, was sie sich dabei denkt; sie ahnt es vielleicht selbst nicht einmal. Nur in ihrem Unterbewußtsein ist der Eindruck, daß da ein Unerfülltes, Unganzes, Fragmentarisches sich kundgibt. Sie empfindet: Aha, da ist auch wieder ein Töpfchen, das sein Deckelchen nicht gefunden hat. Schade! Sie ist soweit ganz hübsch, sie ist zweifellos Männergeschmack, sie hätte einen glücklich gemacht, sie hat alles dazu, aber er ist nicht gekommen. Sie ist unergänzt geblieben. Vielleicht kommt er noch, aber bald muß er kommen. (Laut): O ja, Fräulein, wir haben sie in allen Farben. (Für sich): Wirklich schade
Sehen Sie, Gnädigste, wie wenig schmeichelhaft es für Sie zu sein braucht, wenn man Sie für ein Fräulein hält.
Außerdem, das Alter ist nicht etwas, das sich verbeimlichen läßt, wie unfrische Unterwäsche. Unser Leben ist wie der Tag, mit Morgen, Mittag, Nachmittag und Abend. Auch durch die dichteste Wolkenschicht fühlt man die Nähe oder Ferne der Sonne. Die Tageszeit ist nicht eine Frage des Zifferblatts, wir haben sie im Instinkt.
Und dann: Warum soll man seine Jahre verleugnen? Warum soll man sich jünger machen, statt älter? Älterseinwollen ist ein Bestreben der Jugend. Darum braucht Jüngerseinwollen nicht eine Schwäche des Alters zu sein. Macht ein Fünfziger die Leute glauben, er sei sechzig, wo er doch noch rüstig und leistungsfähig ist, so halten sie ihn für gottbegnadet. Behauptet ein Tapergreis, er sei fünfzig, so sagen die Leute - falls sie ihm glauben, was nicht wahrscheinlich ist -: Der arme Mann, er ist schon alt zur Welt gekommen!