In einem Pariser Brief vom 30. März schrieb Frantz Clément:
„Was ist eine alte Kultursprache doch für ein reizvolles Objekt psychologischer und ästhetischer Betrachtung! Ich weiß es nicht, ob Ihr, meine Landsleute, meinen Enthusiasmus für alles, was die hochanständigen Menschen „Sprachkorruption“ nennen, würdigt oder verlästert. Grenznaturen wie wir Luxemburger haben immer einen riesigen Respekt vor der sprachlichen Norm, vor Feinheit und Würde, sind schicksalsmäßige Puristen, weil sie fürchten, in die Roheit hineinzugeraten, sobald sie den sicheren Boden der akademischen Tradition verlassen. Ich fühle mich beinahe als Aussätziger, weil ich für die Verheerung der französischen Sprache durch das Volk eine verruchte Zuneigung empfinde.“
Josef Tockert führt im Jahrbuch 1925 der Luxemburgischen Sprachgesellschaft aus einem Aufsatz René Engelmann’s über das Luxemburger Wörterbuch von 1907 folgenden Satz an:
„Durch bewußte oder unbewußte Verschleierung der Abstammung werden neue Wörter geschaffen, die dann natürlich nur im luxemburgischen Sprachschatz vorkommen und entweder etymologisch in der Luft hängen oder zu den abenteuerlichsten Deutungen Anlaß geben.“
Auf Anhieb scheint zwischen diesen beiden Äußerungen ein grundsätzlicher Widerspruch zu bestehen. Sieht man indes näher zu, wie es hier und dort gemeint ist, so haben beide recht.
Frantz Clément sieht in der Einbürgerung des Argot eine Bereicherung des Sprachguts. Mit vollem Recht. Die Bereicherung einer Sprache kommt immer von unten, aus den Schichten, in denen es mit Hand und Fuß hart auf hart geht, wo Stoff und Bewegung Trumpf sind, wo das sprach iche Bild unmittelbar aus der Materie, ohne Umweg über allerhand Destillierkolben herauswächst. Das Volk sagt: Il a cassé sa pipe oder il a dévissé son billard und meint damit das bittere Sterben. Ach ja, wenn der kleine Mann nicht alles, sogar den Tod, mit Humor einwickelte, so stieße er sich überall am Leben wund.
Dies also ist es, was Frantz Clément unter „Verheerung der französischen Sprache durch das Volk“ versteht und wofür nicht er allein „eine verruchte Zuneigung“ empfindet.
René Engelmann meint etwas ganz anderes. Er meint die Wörterverstümmelung durch Unwissenheit, die Ersetzung einer etymologisch gestützten und interessanten Wortform durch eine andere, die an sich nichts bedeutet, im Sprachgut wie ein wertloser Kieselstein mitgeschleppt wird. Dazu brauchen nicht alle Korrupielen zu gehören, manche sind grade als solche wertvoll, weil sich an ihnen bestimmte Evolutionsgesetze nachweisen lassen (Kirfech, Schwe’zbengen usw.). Aber der Volksmund hat sich zahllose Wörter zurechtgekaut, bei deren Umgestaltung kein Gesetz, sondern nur Unwissenheit und Bequemlichkeit maßgebend waren. Da fragt man sich, ob es nicht ehrlicher wäre, auf solche Kuriosa kurzerhand zu verzichten, statt ihnen im Sprachschatz Heimatrecht zu gewähren. Was kann es für einen Zweck haben. in ein luxemburgisches Wörterbuch allerhand Wortverrenkungen aufzunehmen und ihnen ein abenteuerliches Pedigree anzuhängen, wo es doch das einfachste wäre, den Kindern in der Schule die richtige Form mit auf den Weg zu geben!