Ein Freund von mir, der behauptet, die Welt müsse und werde an Entvölkerung zugrunde gehen, und der sein Verhalten demnach eingerichtet hat, schickt mir eine Statistik, die von der New Yorker Metropolitan Lebensversicherungsgesellschaft aufgestellt wurde.
Darin werden die Kosten berechnet, die die Kindererziehung bis zum achtzehnten Lebensjahr erfordert. Eine fett gedruckte Aufschrift verkündet, daß die Mädchen sich teurer stellen, als die Buben. Im Durchschnitt kostet jedes Kind rund 6000 Dollar, macht bei dem heutigen Dollarkurs zirka 160 000 Franken oder 9000 Franken im Jahr. Die genauen Ziffern sind 6165 Dollar für ein Mädchen und 6080 Dollar für einen Jungen. Die Auslagen, die schon gleich am Anfang durch die Geburt veranlaßt werden, belaufen sich auf 250 Dollar. An Kostgeld werden für jedes Kind bis zu seinem achtzehnten Jahr 2500 Dollar berechnet. Die sonstigen Ausgaben ergeben u. a. für Kleidung 915 Dollar für den Sohn und nur 1000 Dollar für die Tochter. Jeder hätte geschworen, daß die weibliche Toilette mindestens das Doppelte der männlichen verschlingt Aber vielleicht tritt der Unterschied erst nach dem achtzehnten Jahre in die Erscheinung.
Mein Freund stellt nun folgende Betrachtungen an; Also jedes Kind kostet seine Eltern bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr rund 160 000 Franken oder 9000 Franken im Jahr. Drei Kinder kosten 27 000 Franken jährlich, also das Einkommen eines höheren Beamten. Bei vier Kindern reicht das Gehalt überhaupt nicht mehr, da muß der Mann schon reich geheiratet haben.
Unter solchen Umständen ist es sonnenklar, daß den Leuten die Luft am Kindersegen vergeht. Denn wo bleibt die Gegenleistung? Ich kenne ein Sprichwort: Kleine Kinder, kleines Leid, große Kinder großes Leid - aber ich kenne keines, das von der Freude der Eltern an ihren Kindern handelt. Freude an den Kindern haben meist nur die Großeltern, weil sie nicht mehr zu zahlen brauchen und nicht mehr verantwortlich sind. Freilich, um Großvater werden zu können, muß einer erst Vater werden.
Stärker als alles ist die Liebe, fuhr mein Freund fort. Muß sie auch, sonst ginge keiner und keine dem Genius der Gattung fürder auf den Leim. Aber mit der Zeit wird auch das aufhören und die Menschen werden lernen, die Weiche der Liebe auf ein totes Geleise zu stellen, weil das Kinderkriegen zu kostspielig sein und immer weniger kohnen wird. Das Verhältnis der Kinder zu den Eltern gestaltet sich sichtlich immer mehr nach dem alten Erfahrungsgrundsatz, daß sich in der Geschlechterreihe die Liebe nur von oben nach unten, selten von unten nach oben auswirkt. Den Pflichten der Eltern gegen die Kinder stehen fast nur noch die Pflichten der Kinder gegen sich selbst gegenüber. Und ich lege mir immer wieder die Frage vor: Bin ich der Gattung gegenüber so unbedingt solidarisch, daß ich für ihre Erhaltung Opfer bringen müßte, zu denen ich weder Talent noch Reigung habe? Wenn ich jährlich für 9000 Franken oder alle achtzehn Jahre für 100 000 Franken ein schönes Bild kaufe, habe ich unter Umständen mehr geleistet für die Menschheit, als wenn ich Kinder in die Welt setzte, die vielleicht vor die Hunde gingen.
Allerdings, man kann es auch so auffassen. Aber wer wird sich nachher an den Bildern freuen, wenn die Menschheit ausgestorben ist?