Original

15. April 1926

Nichts ist so sehr geeignet, die Völker einander näher zu bringen, wie die successiven Valutastürze.

Sie sind wie eine wirtschaftliche Osmose, die hinüber und herüber eine lebhafte Diffusion bewirkt. Nie waren so viele Luxemburger nach Trier gekommen, wie in der Zeit der Markentwertung, nie so viele Trierer nach Luxemburg, wie seit dem Frankensturz. Fragt nur aufs Geratewohl bei Namür: Aß de Stull frei?, so klingt es unweigerlich zurück: „Ne, besetzt!“

Der überlebensgroße Dollarkurs ist im Begriff, eine ähnliche Erscheinung zu zeitigen, die uns näher angeht.

Aus Chicago schickt mir Freund Merkels eine gedruckte Anfforderung zu einer „Excursion to Luxemburg.“ Der Europabummel unserer amerikanischen Landsleute beginnt am 24. Juli unter persönlicher Führung des luxemburger Generalkonsuls in den Vereinigten Staaten, Herrn Peter P. Kransz. Er wird, wie es auf dem Prospektus heißt, die Reise selbst mitmachen, und versichert seinen zahlreichen Freunden, die auf dem Dampfer mitfahren, daß es ihm ein großes Vergnügen sein wird, für ihre Bequemlichkeit und ihre Unterhaltung zu sorgen.

Das Tiket kostet von New York nach Antwerpen 1. Kl. 245 Dollar „and up“, 2. Kl. 142.50 Dollar „and up“, 3. Kl. 100 Dollar Hin- und Rückfahrt New York-Antwerpen, 3. Kl., 170 Dollar „plus tax“.

Das sind für uns keine Pappenstiele. Allerdings erfolgt die Neise auf einem der schönsten schwimmenden Paläste, die zurzeit die Meere pflügen, der berühmten „Belgenland“, von deren Pracht und Herrlichkeit ihre Passagiere nicht genug zu erzählen wissen.

Wie dem auch sei, wir können uns alle darauf gefaßt machen, daß im Lauf des nächsten August irgendein Onkel aus Amerika, eventuell mit Tante, Vettern und Kusinen bei uns hereinschneit, um sich die alte Heimat anzusehen, die er 30 oder 40 Jahre zurück als hoffnungsvoller Jüngling verlassen hat. Am Paradeplatz werden sie Mittags zur Aperitiv- Stunde sitzen und Absinthe trinken und versichern, daß die Trockenheit over there sie gar nicht berührt, daß sie trotz allem trinken, was sie wollen. Auf den Dörfern wird es heißen: Der Pier ist da! Und man wird nicht ruhen, bis man ihn gesehen hat. Er wird sich in den Tod langweilen und sagen, daß es ein Leben ist, wie auf einem Kirchhof. Und wie bei ihnen drüben alles mit wunderbaren Maschinen im Handumdrehen gemacht wird, wieviel Bushel Weizen sie per Acre mehr ziehen, wieviel die Schweine und Rinder mehr wiegen und mehr kosten, als hier, daß es Pferde sozusagen keine mehr gibt außer im Wildwest auf den Ranches, wo die Cowboys unglaubliche Reiterkünste darauf vollführen. Und trotzdem der Pier so viel erzählt, macht er den Eindruck eines Schweigers, wenn sie ihn vergleichen mit all den andern, die aus dem Frankreich oder aus dem Deutschland heimgekommen sind und den Mund nicht zukriegen konnten.

Es ist in einer Richtung also gewissermaßen ein Sogen, daß der Franken so tief und der Dollar so hoch steht. Viele Luxemburger drüben, die längst den Traum eines Sommerbesuchs in der alten Heimat sehnsüchtig, aber vergeblich geträumt hatten, werden jetzt zu seiner Erfüllung kommen, werden noch einmal, ehe sie drüben sterben, den Kirchhof daheim sehen können, auf dem alle ihres Geschlechts ruhen, werden feststellen können, daß das gesteigerte Tempo der neuen Welt sie der alten stark entfremdet hat, und werden wieder hinüberfahren mit seltsam gemischten Gefühlen.

Nun, wir sehen sie neidlos kommen und gehen. Aber es gibt etwas, das auf französisch justice distributive heißt. Ist diese unpartelische Gerechtigkeit kein leerer Wahn so muß einmal der Tag kommen, wo der Franken so hoch über dem Dollar steht, wie heute der Dollar über dem Franken. Dann wird die Reihe an uns sein. Dann werden wir uns auf der „Belgenland“ nach Amerika einschiffen und die Onkel, Tanten, Bettern und Kusinen besuchen, mit denen wir die neue Welt bevölkert haben.

Möge es recht bald sein. Das walte Gott - und die Hochfinanz!

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    Katalognummer BW-AK-014-3155