Original

1. Juni 1926

Vor der Bank begegnete mir ein Freund, den ich lange nicht gesehen hatte. Wir begrüßten uns laut und stürmisch, in einem spontanen Herzenserguß. Er spielt in der Weltwirtschaft eine Rolle, und nach einer halben Minute sprachen wir natürlich vom Franken. Das lag schon wegen der Nähe der Bank so in der Luft. Und natürlich setzte ich ihm gleich die Frage auf die Brust: Soll man jetzt noch tauschen?

Er fragte darauf, ob ich ihm sagen könnte, was es an Johanni für Wetter sein wird.

Dann weitete er das Gespräch aus und ging zu den Quellen.

„Sparen, mein lieber Alter, sich einschränken, das ist das einzige Rezept. Und Steuern zahlen, daß es kracht. Ohne das allgemeine Bewußtsein, daß jeder Einzelne Opfer bringen muß, kann es nicht gehen!“

Und dann sprach er von England.

„Was meinst Du wohl, wie tief die Engländer heute im Sumpf säßen, wenn sie nicht gleich nach dem Krieg das Äußerste getan hätten, um sich aufs trockene Land zu retten. Ich weiß es, ich war damals in einer weitschichtigen Interessenvertretung drüben, ich habe mitbezahlt, wie alle. Gerne tat es keiner, aber alle wußten, es muß sein, soll nicht das Ganze vor die Hunde gehen. Es muß eben stramm durchgegriffen werden. Dazu gehört eine Stahlhand, die nicht einmal in einem Samthandschuh zu stecken braucht. Kein Mussolini, die Engländer ertrügen ihn keine vierundzwanzig Stunden. Freiheit für alle, aber erkauft durch Opfer eines jeden. Ihr seid hier darauf nicht trainiert. Ihr habt keinen Gemeinsinn, erlaube, daß ich Dir das ungeschminkt vor den Kopf sage. Ihr denkt: Jeder für sich - aber dann kommt der Schlamassel für alle. Wie würdet Ihr Zetermordjo schreien, wenn Euch in Friedenszeiten Kohlen, Elektrizität, Fleisch, Brot, Kartoffeln rationiert würden! Wenn es auf einmal hieße: Ihr müßt sparen, Ihr dürft keine Butter mehr essen, müßt Euch mit Margarine begnügen, bis Euer Franken wieder al pari steht. Das haben die Engländer getan. Sie haben sich den Riemen angezogen, bis bessere Zeiten kamen. Und die heimlichen Schlemmer setzten sich den schärfsten Strafen aus. Wurde einer bei verbotenen Leckerbissen überrascht, so kam sein Bild in die Zeitung. Ich erinnere mich eines Falles: Ein Erzbischof hatte Butter statt Margarine gegessen. Er wurde gefaßt, mußte Buße zahlen, daß ihm die Augen übergingen, und andern Tags prangte sein wohlgetrofsenes Bildnis in allen Blättern, mit dem entsprechenden Text. Er war der öffentlichen Verachtung preisgegeben. Niemand dachte: Wie schlau, daß er dem Gesetz ein Schnippchen schlug! Sondern alle empfanden: Dieser Erzbischof ist vielleicht ein guter Kerl, aber ein schlechter Engländer.“

„Wenn es nun,“ bemerkte ich schüchtern, „statt des Erzbischofs ein Straßenkehrer gewesen wäre, hätte da das englische Proletariat nicht gesagt: Die kleinen Schlemmer hängt man, die großen läßt man faufen!“

„Das ist es ja eben!“ rief mein Freund triumphierend. „Euch ist der Blick überall durch die Politik getrübt. In jedem von Euch steckt ein verruchter Demagoge. Wie ich sagte: Der Gemeinsinn fehlt Euch. Dem Ganzen gegenüber ist der Straßenkehrer nicht mehr, als der Erzbischof: So denken und empfinden sie drüben. Ihr heltet Euch für waschechte Demokraten, wenn Ihr umgekehrt denkt und empfindet.“

Wir trennten uns, ohne daß er mir gesagt hätte, ob es klug oder unklug wäre, jetzt noch zu tauschen. Und ich ging, von Zweifeln bedrängt, an der Bank vorbei.

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    Katalognummer BW-AK-014-3193