Für uns selbst und unsere Frauen und Töchter haben wir die Mode der kurzen Haare eingeführt. Wenn heute eine oder einer einen Monat lang nicht beim Friseur war, glaubt er, am Rande der Kultur zu leben, bildet sich ein, er gleiche einem Hinterwäldler, und eilt so bald wie möglich, seinen gesamten Haarboden wieder in eine menschliche Form bringen zu lassen.
Der Natur gegenüber lassen wir dies Modegesetz nicht gelten. „Wir“, ich meine damit speziell die Stadtluxemburger. Als vor einem halben Jahrhundert die Feftung geschleift war und die kahlen Hänge hinauf und hinab Rasen gesät und Zierbäume gepflanzt wurden, da war dies Grün erst wie der zarte Flaum am Kinn eines Sekundaners, oder gar wie die ersten Löckchen auf einem Säuglingskopf.
Inzwischen sind die Bäume gewachsen, wie Haar und Bart eines Landstreichers, der kein Geld für den Friseur und weder Schere noch Rasiermesser hat. Derart, daß man vom Antlitz der Landschaft von April bis November so gut wie nichts mehr sieht. Und es wäre höchste Zeit, daß ein geschickter und bewährter Landschaftsgärtner den Auftrag erhielte, in unserer nächsten Umgebung aus dem grünen Chaos wieder das Bild herauszuarbeiten, das darunter verborgen liegt.
Es wurde hier vor Jahren wiederholt eine Lanze dafür eingelegt, daß man nicht ohne Not an den Straßen entlang und im Park Bäume fällen sollte. Ein Baum ist ein Lebewesen, das zu seiner Entwicklung Jahrzehnte und Jahrhunderte braucht. Und wo solch ein Baum an seiner Stelle steht und seinen Zweck erfüllt, soll er erhalten bleiben, denn er kann erst in mehreren Menschenaltern ersetzt werden.
Hier handelt es sich um anderes. Luxemburg bietet in der Verschachtelung, Überschneidung, Perspektive, Getürmtheit, kurzum, in der malerischen Vielfältigkeit der Linien seiner Landschaft ein so seltenes Bild, daß es um keinen Preis überwuchert werden darf. Das Antlitz des Apoil darf durch keinen Vollbart verspießbürgert werden. Als die Anlagen auf dem früheren Festungsgelände entstanden, konnte es die Absicht der maßgebenden Stellen nicht sein, die Eigenart der Terraingestaltung und der Bebauung später dauernd unter einer grünen Wildnis zu ersticken. Sondern es war zweifellos so gedacht, daß der Rohstoff gegeben werden sollte, aus dem nach Jahrzehnten ein Künstler sein Werk herausschneiden sollte.
Machen Sie die Probe aufs Exempel. Gehen Sie beispielsweise das abschüssige Ende des Königsrings an der Internationalen Bank hinunter. Grade in der Straßenachse steht am Eicher Berg eine Linde, die den Blick nach Fort Olizy vollständig versperrt. Würde dieser eine Baum gefällt, so täte sich nach den grünen Höhen jenseits des Tales der herrlichste Blick auf. Dasselbe Bild wiederholt sich ein Hänserviertel weiter hinauf, wo die Straße am Redemptoristenkloster vorbei nach dem Eicher Berg führt. Zwei Bäume in der Verlängerung dieser Straßenzüge ge- opfert, und ein grünes Panorama von herzerfreuender Fülle und Frische wäre gewonnen.
Die bewaldeten Kuppen von Fort Olizy und Fort Thüngen schreien förmlich nach dem Landschaftskünstler, der dort aus Waldesdickicht anheimelnde Parkanlagen herauskomponieren soll. Heute trauen sich die wenigsten hinüber, weil das Ganze so verwachsen, so unwirtlich und so wenig geheuer aussieht. Schlagt ein paar Lichtungen hinein, legt Wege an, die von hüben zu erkennen sind, aber laßt Euch erst im Entwurf zeigen, wie es fertig aussehen wird. Am Abhang des Fort Olizy wurde vor zirka zwanzig Jahren ein Versuch gemacht. Eine breite, leicht geschwungene Fläche ist ausgeholzt und als Waldwiese angelegt. Sie wirkt in der Landschaft wundervoll organisch. Dasselbe wäre weiter oben und rechts auf Fort Thüngen zu wiederholen, damit wenigstens die drei goldnen Eicheln nicht im Laub ertrinken.
Dann sähen die Höhen drüben wirklich danach aus, daß sie den Bürgern zur Erholung dienen sollen. Und dann baut an die Clausener Eisenbahnbrücke seitlich eine Passerelle, damit die Spaziergänger bequem hinüber- und herüberkommen, und Ihr habt aus dem alten Festungsgelände den schönsten Stadtpark in weiter Runde gemacht. Weiteres wird sich von selber finden.