Original

10. Juli 1926

Nebenan „plündern“ sie.

Meine Landsleute lesen das, ohne zu erschrecken. Ein deutscher Leser sieht Bilder aus dem Dreißigjährigen Krieg. Er weiß nicht, daß unsere Sprache. den wüsten Ausdruck „plündern“ mit Humor auf einen völlig harmlosen Vorgang anwendet.

Die Volkssprache ist das Arsenal für das Malerische im Ausdruck. Sie ist unbeschwert durch Rücksichten der Prüderie, die im Dynamischen um Gottes willen nicht über die Stränge schlagen mag.

In keiner der bekanntesten Schriftsprachen gibt es für den Begriff des Umziehens ein so pittorestes Wort, wie unser Plündern.

Im Deutschen und Englischen ist dabei das Hauptgewicht auf den Bewegungsakt von einer zur andern Wohnung gelegt. Die Franzosen und wir denken mehr an den aufgestörten Hausrat. Déménager heißt, die im Haushalt angestammten Möbel entwurzeln, „enthaushalten“. Wir „plündern“. Merten Sie wohl, dies plündern wird nicht mit haben, sondern mit sein konjugiert. Ich habe nicht, sondern ich bin geplündert. “Er hat mich geplündert,“ heißt nicht, er hat meine Kochtöpfe und Bettkissen und Uhren, Stühle und Tische und den ganzen Wohnungsinhalt geraubt, sondern einfach: Er hat meinen Umzug bewerkstelligt. Wenn einer von Herrn Kolbach-Dammé sagt: „Er hat schon die meisten Familien in Luxemburg geplündert,“ so ist das eine Empfehlung, nicht eine Anzeige an den Staatsanwalt.

Plündern kommt von Plunder, und mit Plunder ist ursprünglich nur das Bettzeug gemeint. Nun begreifen Sie, wie für die Tätigkeit des Ausraubens ausgerechnet das Wort Plündern entstanden ist. Wenn betrunkene Söldner, denen eine eroberte Ortschaft zum Plündern preisgegeben war, alles Bewegliche aus dem Haus trugen, war der Eindruck des brutalen Eingreifens in die Intimität der Familie am stärtsten beim Anblick des Bettzeugs, das die Rohlinge aus den Fenstern warfen. Dies Sinnbild der Ruhe, Geborgenheit und Heimlichkeit wurde rücksichtslos an die Öffentlichkeit gezerrt und dadurch fühlte sich die ganze Familie hinausgestoßen aus ihrem lauwarmen, schummrigen Heim, hinaus auf die Straße, in Schnee und Sturm und Regen und Nacht.

Auch jetzt kannst Du Dich eines physischen Unbehagens kaum erwehren, wenn Du beim „Plündern“ des Bettzeugs ausichtig wirst, das die Männer mit rauhen Händen in den indiskreten Tag heraustragen.

Ach ja, die „Männer“.

Wer je mit ihnen zu tun hatte, vergißt sie nie wieder.

Sie kommen morgens in der Frühe und wecken die Vorstellung von Geräusch, Durcheinander, Unruhe, Abschied, Vorhängen, die nicht mehr passen, Möbeln, die unterwegs kaput gehen, zerbrochenem Porzellan - das Wertvollste zerbricht immer zuerst - durchstoßenen Bildern, ungemütlichem Mittagessen im Restaurant, halsbrecherischem Treppauf und Treppab mit kantigen, bleischweren Möbeln usw. usw. Und doch, wo wären wir, wenn wie „die Männer“ nicht hätten! Sie sind Wunder von Nachsicht und Geduld, sie ertragen es mit unerschütterlichem Gleichmut, wenn die Gnädige hinter ihnen drein ist, während sie das Klavier durchs Fenster heben, und jeden Augenblick nervös aufschreit, weil sie glaubt, eben werde das Seil reißen! Die rauhen Hände der „Männer“ können voll Zärtlichkeit sein, wenn sie ein kostbares Stück anfassen und in die Holzwolle betten, die „Männer“ sind stark, und sie sind überlegen, weil ihnen das Aufregende das Gewohnte ist. Die „Männer“ sind unser Trost im „Plündern“. Aber trotzdem, man sieht sie lieber gehen, als kommen.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-014-3226