„Na?“ sagte Grimmberger mit einem lauernden Ausdruck im Gesicht, während er mir zur Begrüßung die Hand reichte.
„Wie geht’s?“ frug ich ahnungslos.
„Leidlich. Und weiter?“
„Weiter? Wissen Sie, ob heuer die Kirschen im Trintinger Tal geraten sind?“
Da atmete er erlöst auf und haute mir die Rechte weit ausholend auf meine linke Schulter, daß ich darunter zusammen knickte.
„Endlich! Endlich einer, der nicht direkt fragt, ob wir noch kein Ministerium haben und wie hoch der Dollar steht!“
„Ja, lieber Herr Grimmberger, das sind aber auch die zwei wichtigsten Fragen, die sich für uns heute stellen!“
„Ach was!“ murrte er verächtlich. „Fliegensch ... e! Zwei Fragen, die in einem Land, wie Luxemburg, binnen vierundzwanzig Stunden zu lösen wären, wenn unsre Leute nicht hypnotisiert auf die großen Nachbarn starrten und sich verpflichtet fühlten, ihnen auch den politischen und finanziellen Schlamassel im Kleinen nachzumachen!“
„Da wäre ich wirklich neugierig.“
„So? Die Neugier kann gestillt werden. Wir haben hier die Staats- und wir haben die Privatgeschäfte, darunter solche, die sogar in der Weltwirtschaft eine ehrenvolle und rentable Rolle spielen. Sie werden nicht leugnen wollen, daß bei uns die großen privatwirtschaftlichen Unternehmungen musterhaft geführt werden, daß sie zu ihrer Leitung die geeigneten Leute zu berufen wissen, und daß sie jeder Konkurrenz gewachsen sind. Die Staatsgeschäfte hingegen gehen aus einer Hand in die andre, und ob auch einer noch so sehr das Beste will, er wird abgesägt und durch einen andern ersetzt, der wiederum nach ein paar Monaten abgewirtschaftet hat. Warum?“
„Ja, warum?“
Grimmbergers Augen schossen Blitze.
„Ich will Ihnen sagen, Herr, warum? Weil diese Regierungsdilettanten die Blüte des sogenannten Volkswillens sind, und weil in der Privatwirtschaft die führenden Leute nur auf Grund eines zuverlässigen Befähigungsnachweises das Ruder in die Hand bekommen!“
„Ja, mein lieber Herr Grimmberger, für das Staatsleben hat man aber noch nichts Besseres erfunden, als den Parlamentarismus.“
„Ich weiß, ich weiß!“ sagte er mit eisigem Sarkasmus. „Ich mache mir ja auch keine Illusionen. Aber ich denke mir zuweilen in stillen Stunden aus, wie lustig und praktisch es wäre, wenn wir Kammer und Regierung kurzerhand zum Teufel jagten und die Generäle der Privatwirtschaft bäten, uns im Nebenamt mitzuregieren.“
„Aber ich bitte Sie, Herr Grimmberger, Sie scheinen gar nicht zu bedenken ....“
„Mit dem vielen Bedenken ist nichts getan. Durchgreifen, Herr, durchgreifen, die Leute vor den Kopf stoßen, wenn’s sein muß, aber das Richtige tun. Unsre Valuta? Nichts ist einfacher. Die Regierung soll soviel luxemburger Bankscheine drucken lassen, wie wir für den Inlandverkehr brauchen und den Zwangskurs zu einem Papierfranten = ein Goldfranken dekretieren. Das geht niemanden was an. wir können bei uns zuhause tun, was wir wollen, die Börse hat mit unserm Franc nichts zu schaffen. Unsre Beamten bekommen ihre Gehälter in papiernen Goldfranken, mit denen sie den Bäcker, Metzger, Krämer, Schneider, Schuster, Hausbesitzer bezahlen. Wer Zahlungen nach dem Ausland hat, wechselt seine luxemburger Goldfranken bei einer luxemburger Bank in die entsprechenden Devisen um, keine von unsern Banknoten braucht über die Grenze zu gehen, unser Franc notiert bei keiner auswärtigen Börse, wir verwirklichen nur das Eine: daß unser Geld in unserm nationalen Haushalt ein wertbeständiges Sinnbild für unsre Arbeit sei, die das wertbeständigste Element, ja, das einzig wertbeständige in der gesamten Wirtschaft ist.“
„Wenn das ginge, Herr Grimmberger!“ versetzte ich mit skeptischem Lächeln.
„Blödel!“ knurrte er und verschwand, heftig mit seinem Stock fuchtelnd, um die Ecke.