Diese Frage aus dem bekannten Lied haben vor 25 Jahren drei junge Luxemburger mit einem karegorischen Imperativ beantwortet.
Es war am 12. Juli 1901, nachts zwölf Uhr, vor dem American Building, Ecke Philipp- und MariaTheresienstraße. Handelnde Personen: die Herren Dr. Brchr, Hary Hllukx und Tilt Hllnkx.
Diese drei gaben sich das Wort, über 25 Jahre, mittags Punkt zwölf Uhr, auf der Schloßbrücke zusammenzutreffen. Sie verpflichteten sich durch feierlichen Eidschwur, zum Stelldichein zu kommen, von woher es auch sei, und wäre dazu eine Reise um die halbe Erdkugel nötig. Dies alles wurde sorgfältig zu Papier gebracht, Dr. Brchr schrieb den Vertrag, Titt Hllnkx hielt seinen Buckel als Pult hin und Hary Hllnkx stand daneben und sah nach dem Rechten. Es wurde ausgemacht, daß das Wiedersehen durch ein solennes Mittagessen gefeiert würde, und daß der bezahlen sollte, der zuletzt käme.
Dann gingen die Freunde auseinander.
Der Seßhafte von ihnen, altes, gutes Bauernblut, Dr. Brchr, blieb im Land, um möglichst nahe am Rendezvous zu sein. Er kaufte sich vorsichtshalber ein Rad, auf dem er es zu einer großen Fertigkeit brachte, so zwar, daß von seinen Fahrten tollkühne Stücke berichtet wurden. Das tat er, um nötigenfalls rasch und leicht auf die Schloßbrücke zu gelangen; denn er war als Urkundenbewahrer von den beiden andern eingesetzt, den heiligen Vertrag in seiner Schublade zu verwahren, und schon deshalb hätte er nicht der Letzte sein wollen.
Den Hary trieb es schon weiter. Er schlug Wurzeln in Brüssel und wurde dort wegen Erfindung einer neuen Entfettungskur berühmt. Auch sonst ging es ihm gut, und er faßte im Lauf der Jahre, bei zunehmender Vervollkommnung der Flugzeuge, den Plan, sich einen funkelnagelneuen Farman-Zweisttzer neuester Konstruktion anzuschaffen, um damit in einer Stunde von Brüssel bis auf die Schloßbrücke zu fliegen. Auch er wollte nicht der Letzte sein.
Am weitesten verschlug es den Titt. Er ging in Amerika nieder und stieg dort wiederum so hoch, daß er luxemburger Konsul in den Vereinigten Staaten wurde.
Er machte sich viele Sorgen wegen des 12. Juli 1926. Hinüberkommen würde er schon rechtzeitig, deß war er sicher. Aber wie, wenn er dann nicht mehr unter den Lebenden weilte? To pass away, nennen sie das drüben.
Aber auch für diesen Fall wollte Titt seine Vor- bereitungen treffen. Er ging zu einem berühmten Spiritisten und vereinbarte mit diesem, daß er nötigenfalls zur festgesetzten Stunde als Geist auf der Schloßbrücke erscheinen würde. Den nötigen Vorrat an Ectoplasma legte er sich nach und nach hin. Gott sei Dank kam es nicht zu diesem Extrem, denn Titt ist wohlbehalten dieser Tage in Luxemburg eingetroffen, einen Monat früher, als er mußte, um nur ja das Stelldichein auf der Schloßbrücke nicht zu verpassen. Um ganz sicher zu gehen, brachte er ein Zelt mit, das ließ er nahe der Schloßbrücke aufschlagen, um die Nacht vorher darin zu schlafen und ganz sicher rechtzeitig zur Stelle zu sein. Sie sagen, nachts sei ihm der Geist Gottlieb Hurra’s aus einer Schießscharte des Bockfelsens erschienen, aber das war nur der Dr. Brchr, der ebenfalls dort nächtigte, um seinem Freund Titt auf alle Fälle zuvorzukommen.
Gestern war der große Tag.
Schon von elf Uhr ab mußte die Polizei an der Schloßbrücke wegen des lebensgefährlichen Gedränges einen Ordnungsdienst einrichten, die Elektrische nach Neudorf zum Pendelverkehr greifen, denn die Sache hatte sich herumgesprochen, für einige Stunden waren Frantz und der Franken in den Hintergrund gedrängt, was Beine hatte, stand an der Schloßbrücke, um Zeuge des rührenden Wiedersehens zu sein.
Das Übrige kennen Sie aus den Extrablättern, die gestern gleich nach Mittag ausgegeben wurden.