Original

15. Juli 1926

„Was verstehst du denn eigentlich von Spiritismus, Materialisation, Ectoplasma und dergleichen?“ frug mich Freund Leo. „Du hast diese Dinge in den letzten Tagen wiederholt erwähnt und damit natürlich den Eindruck erwecken wollen, als seiest du in der Geisterwelt zuhaus.“

„Ich bedaure,“ sagte ich, „ich verstehe davon noch weniger, als Herr von Schrenk-Notzing. Aber warum schneidest du grade dies Thema an?“

„Ja!“ lachte er mit allen seinen Vorderzähnen. „Weil ich dir nämlich eine Geistergeschichte erzählen möchte. Die mußt du bringen, unbedingt.“

„Laß hören. Ich kauf keine Katze im Sack.“

Er stellte erst die Personalien fest. Der verstorbene Mann - du hast ihn ja gekannt? - - Die Witwe - du kennst sie auch - sie ist unter die Spiritisten gegangen, usw. usw.

„Na also, eines Tages ist große Sitzung. Sie haben ein Medium als Gast, ein Aß, einen Amundsen, Douglas Fairbanks, Caruso, Frantzen Nick unter den Medien, Die Stimmung ist günstig - „sie gehen heute,“ sagte ein bekannter Angelfischer, der unter den Zuschauern saß.

Die Witwe hatte schon lange den Wunsch gehegt, mit ihrem Heimgegangenen in Verbindung zu treten, aber es war noch nie gelungen, ihn festzumachen.

Diesmal gelang es.

In der Dunkelheit wurde eine verschwommen weiße Erscheinung sichtbar, das Medium stieß seltsame Töne aus, wie ein träumender Jagdhund, und die Witwe fragte:

„Bist du es, Änder?“

„Ja!“ kam die dumpfe Antwort.

„Er ist es!“ keuchte erregt die Witwe. „Darf ich mit dir reden, Änder?“

„Warum nicht?“

„Wie geht es dir, wo du jetzt bist?“

„Besser.“

„Dein Zipperlein, meine ich?“

„Davon weiß ich nichts mehr.“

„Und wie gefällt es dir im allgemeinen?“

„Gut, danke.“

„Appetit?“

„Vorzüglich. Durst desgleichen.“

„Bist du in guter Gesellschaft?“

„In der allerbesten.“

„Sind auch Damen dabei?“

„Besonders Damen.“

„Junge oder alte?“

„Nur junge.“

„Hübsch?“

„Nur hübsche. Und lustig, das darfst du glauben.“

„Ich will annehmen, Änder, daß du mit deinen siebenundfünfzig Jahren .....“

„Wo ich bin, zählt kein Alter.“

„Wenn ich also mit dir glücklich vereint wäre ...“

Die weiße, nebelhafte Erscheinung war fort, wie fortgeblasen, und es kostete das Medium große Anstrengungen, sie wieder zu beschwören.

„Warum warst du plötzlich verschwunden, mein Änder?“ flötete die Witwe.

Der Geist hüstelte und polterte heraus!

„Das fragt man überhaupt nicht.“

„Und hast du keine früheren Bekannten getroffen, wo du jetzt bist?“

„O ja, viele. Ihr würdet es nicht glauben, wenn ich sie alle aufzählte.“

„Habt ihr auch manchmal unter dem Wetter, unter dem raschen Temperaturwechsel zu leiden? Du weißt, Änder, den konntest du nie vertragen, davon wurde dein Zipperlein immer schlimmer.“

„Ach nein, wir haben hier eine sehr beständige Temperatur.“

„Warm, kalt?“

„Eher warm. Aber man kann es aushalten.“

„So so. Und „verlangerst“ du nicht ein bißchen, mein Änder?“

„Bis jetzt nicht.“

„A wo’ baß de dann?“

„An der Hell!“

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    Katalognummer BW-AK-014-3230