Original

17. Juli 1926

Unsere Vizinalbahnen haben einen Vater und eine Mutter.

Die Mutter ist die Kammer. Eine Rabenmutter. Nichts als quängeln und spotten tut sie über ihr Produkt.

Der Vater ist Herr Jean Ries, der faktische Leiter und Begründer unseres Vizinalbahndienstes. Er ist stolz auf seinen Sprößling, und er hat darum auch die Vaterschaft eines neuen Bahnsäuglings übernommen, der nun endlich, nach langen, schwierigen Geburtswehen praktisch in die Erscheinung treten soll.

Die interkommunalen Trambahnen im Kanton Esch.

Herr Jean Ries gibt dem Täufling ein ausführliches curriculum vitae mit auf den Weg. In der Revue Technique Luxembourgeoise n° 3, 1926 - die Abhandlung erscheint jetzt als Separatdruck - zeichnet er den Lebenslauf des Unternehmens durch die lange Reihe von Phasen, von denen die meisten ebensoviele Hemmungen waren. Unter unsäglichen Mühen und Schwierigkeiten aller Art, durch die Wirrnisse und Überraschungen der Kriegszeit hindurch ist das gemeinnützige Werk jetzt zur teilweisen Vollendung gediehen, und man rechnet mit der Wahrscheinlichkeit, daß im Spätherbst die ersten Triebwagen auf einem Teil der vorgesehenen Strecken um die Kurven singen werden.

Es handelt sich da um ein Werk von ungeahnter wirtschaftlicher und sozialer Tragweite, und auch ohne technisches Interesse dafür zu haben, wird jeder, der für die Entwicklungsmöglichkeiten seines Umkreises Sinn hat, aus der Arbeit des Herrn Jean Ries vielfache Anregung schöpfen. Vor allen Dingen aus seiner Feststellung, daß diese Bahnen bestimmt sind, „die wirtschaftliche Entwicklung des Kantons Esch mächtig zu fördern und dabei der Arbeiterbevölkerung Vorteile von großer sozialer Tragweite zu verschaffen“.

Damit ist die Dezentralisierungsmöglichkeit der Arbeitersiedlungen gemeint, über deren Notwendigkeit kein Wort mehr verloren zu werden braucht.

Hier aber weitet sich das Problem zu einer Bedeutung, die sich nicht mehr auf das Industriebecken beschränkt.

Die Intensität und das Tempo des wirtschaftlichen Umtriebs werden im Erzbezirk durch die Beschleunigung des Verkehrs erhöht werden.

Fünfzehn, sechzehn Kilometer nordöstlich dieses Wirtschaftsmaximums schwingt ein anderes mit dem Zentrum Luxemburg. Weniger heftig, weniger amerikanisch, aber wichtig, vertieft und zukunftsfähig.

Gehen die beiden ineinander über, so multiplizieren sie sich gegenseitig. Die warme Gärung des Erwerbslebens wird immer begünstigt durch die Häufung, durch die Masse.

Also dürfen wir hier in Luxemburg dem neuen Werden zwischen Rümelingen - Esch - Differdingen nicht gleichgültig zusehen. Und grade da, wo Herr Jean Ries die sozialen Vorteile für die Arbeiterwelt sieht, wird der Hebel anzusetzen sein. Der Verbindungskanal zwischen hüben und drüben geht durch die Elektrische Luxemburg - Hollerich - Gasperich - Leudelingen - Steinbrücken-Esch. Die Dezentralisierung der Arbeiter- und Beamtensiedlungen wird sich am zweckmäßigsten diese Strecke entlang vollziehen. Dort ist am leichtesten und sichersten erreicht, was für den stadtund fabrilmüden Menschen als heilsamstes gilt: Frische Luft, Wald, Ellenbogenfreiheit, Aussicht, und bei alledem relative Nähe der Arbeitsstätte und der Versorgungszentren, leichte Verbindungen - und heute noch erschwingliche Baugründe, falls rechtzeitig die Aktion von Staat und Gemeinden einsetzt.

Legen Sie also die Arbeit des Herrn Jean Ries nicht ungelesen zu den Akten, sondern betrachten Sie sie als den Auftakt zu jener andern, die sich mit dem Bau der Elektrischen Luxemburg-Esch beschäftigen wird und wahrscheinlich schon beschäftigt hat.

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    Katalognummer BW-AK-014-3232