Der Bäckerjunge gehört im Ablauf des täglichen Haushalts zu den periodischen Erscheinungen, wie die Milchfrau und der Briefträger. Unser tägliches Brot gib uns heute, beten die Frommen im Vaterunser, nicht: Unser tägliches Fleisch. Denn die Meisten gönnen sich Fleisch nur alle paar Tage. Brot aber ist ein notwendiger Bestandteil des Lebens. Und der Bäckerjunge bringt es Tag für Tag um dieselbe Stunde. Man kennt im Haus seinen Klingelzug. Er klingelt anders, als der Briefträger, anders, als die Milchfrau, anders, als die Besucher. Sein Klingeln heißt: Hier ist Euer Brot, nehmt es oder laßt es stehen, ich mach keine langen Faxen, ich kann ohne Euch leben, aber Ihr nicht ohne mich!
Der Bäckerjunge ist ein Philosoph, obgleich er kaum der Schule entwachsen ist. Von der Schulbank weg wird er kopfüber in die krassesten Materialitäten des Erwerbslebens gestürzt, eingeschaltet zwischen Hand und Mund, zwischen Arbeit und Essen, auf einer Scheide, wo kein langes Verweilen ist.
Der Bäckerjunge lernt schon mit vierzehn Jahren, wie unentbehrlich er der Menschheit einst sein wird und wie leicht es ihm deshalb gemacht wird, ihr seine Gesetze zu diktieren. Man wundert sich oft, daß die Bäcker immer gegen den ganzen Staat recht behalten und ihren Willen durchsetzen. Es kommt daher, daß sie wissen: Die Welt kann ohne uns keinen Tag lang bestehen. Und wenn die Menschheit für nichts mehr Geld hat, so hat sie immer noch Geld für Brot.
Unser Bäckerjunge ist mit seinen kurzen Hosen und Socken selbständiger und verantwortlichkeitsbewußter, als mancher Erwachsene, in dessen Hand die Schicksale vieler andern gelegt sind.
Er fährt sein Wägelchen an eine Stelle, die so zentral wie möglich zu seinem Tätigkeitsfeld gelegen ist. Von dort aus strahlt er in die Umgebung aus. Er weiß auswendig, was jede von den siebenundzwanzig Hausfrauen des Viertels für Brot für heute bestellt hat. Die ein Weißbrot, die ein Schwarzbrot, die ein Weißbrot und ein Schwarzbrot, die ein Stangenbrot, die ein Luxusbrot für den Herrn Gemahl. Er belädt sich mit den goldbraunen Laibern und liefert sie richtig ab, ohne zu zaudern. Übereilen tut er sich nicht. Darin verrät sich seine Eignung zum Beruf. Er läßt sich Zeit, er weiß, er braucht niemanden nachzulaufen. Und die Wichtigkeit seiner Aufgabe allein schon bedingt bedächtige Erledigung. Von einer Haustür zur andern, von einem Gartentor zum andern wälzt er im Hirn, was er soeben kassiert hat und was er demnächst kassieren wird. Bei den sprunghaft wechselnden Brotpreisen ist das keine Sinekure. Irrt er sich einmal, indem er den alten Preis berechnet, so fällt er unweigerlich hinein, denn der alte Preis ist immer der niedrigere.
Es gibt im Erwerbsleben kaum eine Hilfskraft, die so jung mit solcher Veranwtortlichkeit beladen würde, wie der Bäckerjunge. Tag für Tag hat er mit Hunderten zu rechnen, das Geld richtig einzuziehen und richtig abzuliefern. Auch das trägt dazu bei, ihn zum gerissenen Geschäftsmann zu machen. Er ist der gewiegteste Kopfrechner auf dem Pflaster. Die Zahlen stellen sich in seinem Hirn in Reih und Glied, wie die Rekruten auf dem Kasernenhof.
Kein Wunder, daß sich Falten zwischen seine Augenbrauen graben, und daß er schweigsam ist, wie ein Clown in Zivil. Während Du ihn fragst, wie es mit Frantz gegangen ist, durchfährt ihn der Gedanke, ob 3.75 und 3.75 wirklich nur 7.50 ergeben, wie er es eben herausgerechnet hat, oder ob er dem Mädchen nicht einen Franc zu wenig oder gar einen Franc zu viel herausgegeben hat.
Der Bäckerjunge, wenn er ein richtiger Bäckerjunge ist, wird mit dreißig Jahren Bäckermeister, mit vierzig ein reicher Mann und mit fünfundvierzig Rentner. Und dann wundert er sich, wie wenig er eigentlich mit seinem vielen Geld anzufangen gelernt hat.