Original

20. Juli 1926

Wenn Sie vor die Wahl gestellt wären, zu ertrinken oder zu verdursten, für welche Todesart würden Sie sich entscheiden?

Sie haben darüber noch nicht nachgedacht?

Besinnen Sie sich. Stand die Entscheidung nie bei Ihnen im Unterbewußtsein fest? Zum Beispiel am vorigen Sonntag, von dem die ältesten Leute sagten, es sei der heißeste Tag, den sie je erlebt haben? Waren Sie am Sonntag nicht mit Freunden und Freundinnen auf einem Ausflug, zum Beispiel nach Trintingen zur Kirschenernte, oder nach Schloß Burscheid, oder sonstwohin, wo es schön und lustig war? Und kam Ihnen in einem Augenblick, wo Ihnen die Zunge am Gaumen klebte, nicht der Gedanke, daß Verschmachten eine der größten Grausamkeiten der Natur wäre?

Doch, Tausende haben am Sonntag die Angst vorm Verstegen heimlich erlebt.

Wenn es einmal zwei, drei, fünf, sieben Wochen lang ununterbrochen regnet, so wirkt das ungünstig auf unsere Stimmung. Wir ärgern uns, fluchen, reden vom Wetter im Zusammenhang mit dem Namen des weiblichen Mutterschweins, prophezeien Hungersnot und Seuchen, kurzum, gebärden uns, als sei der Herrgott gegen uns kontraktbrüchig geworden.

Tatsächlich ist es ja auch recht schlimm. Die Ernten faulen auf dem Halm, die Flüsse treten aus, Überschwemmungen werden von überall gemeldet, die Straßen sind Schlammbäche, das Obst schmeckt nach weiter nichts, als Wasser, das Fleisch wird teuer, weil das Heu verschlammt ist, die Trauben kommen nicht durch die Blüte, die Keller füllen sich mit Grundwasser, die Leute gehen herum, wie am Vorabend des jüngsten Tags. Aber die Grundstimmung ist Ärger- und Trotz. Wenn es zum Äußersten käme, denkt jeder, so werden sich wohl noch ein paar Bretter finden, die wir zum Floß zusammenzimmern können, um nicht unterzugehen, und irgendwo wird ein Berg Ararat ragen, an dem wir festmachen können, bis sich die Wasser verlaufen. Eine richtige Angst vor qualvoller Vernichtung kommt nicht auf.

Diese unheimliche Angst befällt uns, wenn sich wochenlang blauer Himmel über uns spannt, wenn die Flüsse und Bäche immer kleiner und klarer werden, wenn sie in Wiltz schon waggonweise Mineralwasser sich hinlegen, um sich damit zu waschen, wenn die Quellen versiegen. Dann geht auf einmal die Angst um, die rotglühende Angst vorm Verschmachten. Den Menschen fällt eines Tages mit Entsetzen ein, wie es wohl würde, wenn einmal keine Brunnen mehr flössen, wenn im steinharten Ackerboden tiefe Risse klafften, wenn der Mutterschoß der Erde unfruchtbar würde, wenn es wäre, als hielte uns der Himmel mit steifem Arm zum Fenster hinaus, bis wir Durstes gestorben wären, indes er dazu sein grausames blaues, heißes, trocknes Lächeln lächelte.

Das würde ein langsames, entsetzliches Hinsterben in Qual und Wahnsinn. Und nun wissen Sie, daß Sie, wenn Ihnen die Wahl aufgezwungen würde, sich lieber für den Tod im Meer, als in der Wüste entschieden. Denn schließlich, nicht wahr, kommen wir vom Wasser her, nicht von der Sonne.

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    Katalognummer BW-AK-014-3234