So kann man unversehens einen Schreck kriegen!
Liegt da auf dem Frühstückstisch die neueste Nummer der „Cahiers Luxembourgeois“. Ich lese im Inhaltsverzeichnis: Notre Galerie de Portraits: Jos. Hess, Jan Pétin. Ich schlage das Heft auf und fahre mit einem Schrei des Entsetzens in die Höhe. Ein gräßlicher Anblick. Ein paar Männergesichter, die ein böser Traum nicht grauenhafter ausmalen könnte. Geeignet, auf Wochen und Monate hinaus den gesundesten Appetit zu verderben.
Natürlich weder Herr Joseph Heß noch Herr Jan Pétin, sondern die Bilder der Versuchskarnikel zu einem Aufsatz von Dr. Franz Delvaux: Chirurgie und Körperschönheit. Es gehört schon die Abhärtung eines Mediziners dazu, im Zusammenhang mit diesen Schreckensvisionen von Körperschönheit reden zu können.
Doch sei’s drum. Es ist allerhand, was die Chirurgie aus diesem Klumpen von Entsetzen und Wahnsinn wieder für menschenähnliche Antlitze herzurichten wußte. Nur befremdet es auf den ersten Blick, wenn man derartige fachwissenschaftliche Abhandlungen in einer Zeitschrift findet, die ihren Lesern sonst nur belletristisch zu kommen pflegt. Aber wenn es den C. L. gelingt, durch diesen an und für sich hochinteressanten Beitrag in erhöhtem Maße die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und die literarisch interessierten Luxemburger aus ihrer Apathie aufzurütteln, so hatten sie tausendmal recht, die Arbeit und die dazu gehörigen Bilder zu veröffentlichen. Und wenn ich hieran die Warnung knüpfe, daß Leute mit zarten Nerven um dies neueste Heft der „Cahiers“ einen Bogen schlagen sollen, so wird damit hoffentlich das Gegenteil bewirkt. Die Neugier wird siegen und der Name der „Cahiers Luxembourgeois“ wird auf Wochen hinaus in aller Mund sein.
Diese Julinummer ist aber auch noch durch andre Beiträge merkwürdig, und nicht am wenigsten durch den ersten in der Reihe, in dem Nik. Ries einen Rückblick auf unsere letztverflossene Theaterspielzeit wirft. Er sagt darin Wahrheiten, die gesagt werden mußten, die jedermann insgeheim billigt, trotzdem jedermann offen das Gegenteil davon zu sagen pflegt.
Es entbehrt der inneren Eleganz, daß wir uns in geistigen Dingen gerne schlechter machen, als wir sind. Indem jeder von uns sich als Provinzler und Kleinstädter selbst verspottet, glaubt er den Eindruck zu erwecken, daß er eigentlich einer höheren Kategorie angehört. Wie oft hört man Luxemburger, die aus Sparsamkeitsgründen unser Theater nie oder selten betreten, ihr Fernbleiben damit erklären, daß sie von Brüssel und Paris her Besseres gewöhnt sind!
Mit diesen und ähnlichen Gemeinplätzen räumt Nik. Ries energisch und deutlich auf. Er zeigt, daß wir uns in Theaterdingen wirklich nicht zu beklagen haben. Tatsächlich wird in einer Großstadt ein Angehöriger der gebildeten Stände pro Saison kaum mehr und durchschnittlich bessere Vorstellungen sehen, als ein Abonnent unseres Stadttheaters. Und was die Urteilskraft unseres Publikums betrifft, so ist kaum einer von uns besser qualifiziert, sie zu werten, als der Verfasser des ersten und bisher einzigen Werkes über die Psychologie unseres Volkes. Er schreibt:
„Notre public aime le bon sens et la juste mesure en toute chose. Il ressemble en cela, certes, aux autres peuples bilingues qui, devenus sceptiques à force de comparer et de contrebalancer les valeurs intellectuelles et morales, semblent être moins aptes à la création qu’à l’analyse. Mais il a l’émotion et l’enthousiasme particulièrement difficiles. Pour le faire «marcher» et lui arracher des applaudissements, il faut des sujets solides, des pièces bien charpentées et des artistes de talent. Il a beaucoup vu et beaucoup retenu et ne se résigne pas aisément à ce qu’on le traite de «béotien» et sa capitale de «province». Il lui déplaît qu’on ignore ou qu’on fasse semblant d’ignorer que le nombre de ceux qui. chez nous, ont des «lettres» et des lectures est au moins égal à celui des grandes villes de l’étranger.
De l’amphithéâtre à l’orchestre, il est unanime à accorder plus de crédit à l’affinement psychologique, au tragique des situations et aux choses bien dites qu’aux clichés fabriqués en séries et aux tirades vaguement moralisantes. Qu’on lui épargne les fadaises sentimentales et les pleurnicheries d’usage. Que l’amour ne soit pas l’éternel retour du ménage à trois ni la glorification de la «bagatelle» ni la justilication des adultères vulgaires, mais la passion qui grandit ou qui tue. Aussi le cas cst-il fréquent des pièces qui font chaque jour salle comble en France et qui ne «portent» pas chez nous, où ni l’auteur ni ses interprètes ne parviennent à »tenir« le spectateur et à établir le fluide magnétique qui les lie indissolublement.“