Original

13. Oktober 1926

Haben Sie vielleicht einen schlechten Charakter?

Mißverstehen Sie mich nicht. Man kann einen schlechten Charakter haben und ein guter Kerl sein. Was die Leute gemeinhin einen schlechten Charakter nennen, ist sehr oft nur eine nervöse Reizbarkeit, Sache der Oberfläche. Inwendig braucht ihm durchaus nicht das zu entsprechen, was aus einem Menschen den sogenannten schlechten Kerl macht. Mein Freund Grimmberger zum Beispiel gilt als ein sprichwörtlich schlechter Charakter und ist inwendig eine goldne Seele, die keiner Fliege was zuleide tun kann, trotzdem ihn manchmal die Fliege an der Wand ärgert.

Wenn Sie also in diesem Sinn einen schlechten Charakter haben, sagen Sie es ruhig. Ich gebe Ihnen ein Mittel dagegen.

Essen Sie Haselnüsse.

Ich glaube, es war Bismarck, der irgendwo sagte, die Tabakpseise verbessere den Charakter. Wer von Zeit zu Zeit an seiner Pfeife ziehen muß, um sie in Brand zu halten, ist davor sicher, daß er über seine Rede seine Nerven Herr werden läßt. Das Entströmen seiner Nervosität wird durch Stufen gehemmt, zerlegt, wie ein Wildbach, der ohne solche eingebaute Stufen mit seiner ungebrochenen Urgewalt zutal stürzt und ganze Dörser einreißt.

Dieselbe Rolle spielt die Haselnuß. Machen Sie den Versuch. Stecken Sie sich eine Ihrer Taschen voll Haselnüsse. Sie dürfen sich alsdann ruhig an einen Stammtisch begeben, wo man zum Beispiel über die Froncstabilisierung redet. Gespräche über die Francstabilisierung und ihre Folgen führen in der Regel zu heftigen Auseinandersetzungen. Entweder ist es so, daß alle miteinander über die Regierung, oder über die Hochsinanz, oder über Amerika herfallen, und es kommt dabei zu den geräuschvollsten Entgleisungen. Oder einer nimmt die Regierung, die Hochfinanz und Amerika in Schutz, und das Gespräch artet noch sicherer in eine allgemeine Schilderhebung aus.

Sie sitzen dabei. Sie haben auch Ihre Meinung über die Franestabilisierung und was damit zusammenhängt. Aber Sie inacken geruhig eine Haselnuß nach der andern auf und lassen sich die buttersüßen Kerne im Munde zergehen. Erstens bildet das rein zestlich einen Pendel, der den überstürzten Ablauf Ihrer Gedanken standiert. Während Ihre Zähne und Ihre Zunge anderweitig beschäftigt sind, haben Sie Zeit zu überlegen, was Sie sagen wollen. Das ist eine wertvolle Gewähr dagegen, daß Sie Dummheiten sagen. Sie überlegen andrerseits, was der andre gesagt hat, und kommen um so sicherer hinter die Fehler in seinem Räsonnement.

Zweitens werden Sie durch den guten Geschmack im Mund zur Versöhnlichkeit, zum Optimismus gestimmt. Ein angenehmer Gaumentitzel hält die bitteren Gedanken an mögliche Zeiten der Entbehrungen hintan.

Haben Sie einen genügenden Vorrat an Haselnüssen in der Tasche, so geben Sie Ihren Stammtischgenossen davon ab. Und Sie werden bei ihnen nach einigen Minuten dieselbe Wirkung feststellen. Sie werden, gestatten Sie das kühne Bild, das süße Öl der Haselnuß auf die hochgehenden Wogen der Empörung gießen.

Sie sehen, welche gesellschaftspolitische Rolle die Haselnuß zu spielen imstande ist.

Sie verdient indes noch in anderm Betracht, als Freundin der Menschheit, zumal der Kindheit und Jugend gewertet zu werden. Aber das wissen freilich nur die, die als Kinder zur Herbstzeit in den Wald zogen, um Haselnüsse zu pflücken. Die werden keine der kleinen braunen Hüllen aufknacken, ohne mit Rührung an einen der Tage zu denken, wo sie durch dichtes Unterholz brachen, nach dem wohlbekannten Laub der Haselstauden spähend, voll urmenschlicher Beutelust, wenn sie die grüngeflügelten Früchte eräugt hatten. Wie nett ist es doch vom allgütigen Schöpfer, daß er der Haselgerte die nachgiebige Biegsamkeit anerschaffen hat, die ihr das Gewähren ermöglicht, ohne brechen zu müssen! Wer das in seiner Kindheit erlebt hat, kann so alt werden, wie er will, er geht im Herbst nie durch den Wald, ohne nach Haselstauden zu spähen, und er mag so viel Geld haben, daß er sämtliche Haselnüsse des Erdballs kaufen könnte, er wird trotzdem beim Anblick eines „Drei- oder Ve’erke’pers“ das Gefühl haben, als sei ihm etwas Besonderes vom Schicksal geschenkt, und er wird in die Staude greifen und sich den Ast herunterziehen und die Nüsse pflücken und sie knacken - vorausgesetzt, daß seine Zähne noch gut sind - und im Wald als alter Mann eine Kinderfreude erleben.

Über die erotische Seite des Haselnußpflückens plaudern wir vielleicht ein andermal.

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    Katalognummer BW-AK-014-3267