Das Wort ist dem Menschen gegeben, seine Gedanken auszudrücken.
Weil aber nicht jeder Mensch sich auf eine Tribüne stellen und mit einem Sprachrohr seine Gedanken in die Welt hinausposaunen kann - man stelle sich vor, welchen Turmbau von Babel das verursachen würde - darum ist außer dem Wort dem Menschen die Schrift gegeben, sich der Welt mitzuteilen.
Die Schrift ist das Mittel, das ein jeder hat, mit den Händen nicht nur zur Gegenwart, sondern zu aller Zukunft zu reden.
Um das Mittel anwenden zu können, muß einer schreiben gelernt haben.
Nun ist es merkwürdig, daß in den Schulen auf das Schreiben unendlich viel mehr Gewicht gelegt wird, als auf das Reden.
Es gibt für unsere Schulen eine Kalligraphie, aber es gibt keine Kallilogie. Im Gegenteil. Den Kindern wird in der Schule grade das schöne, das natürliche Reden ab- und das unnatürliche Reden anerzogen.
Dagegen läßt sich nichts machen. Das geht so weiter und wird immer so weiter gehen in den tiefen Geleisen der Pädagogik. Und so kommt es, daß viele schul- entlassene Kinder kunstlos und kunstwidrig daher reden, während sozusagen alle in ihrer Schrift wenigstens Spuren des kalligraphischen Unterrichts verraten, wenn sie nicht eine gradezu tadellose Hand schreiben.
Da nun so großes Gewicht auf das schöne und korrekte Schreiben gelegt wird, sollte man meinen, die Schule nähme im Schreibunterricht Rücksicht auf die jeweils üblichen technischen Hilfsmittel der Schrist.
Es gab eine Zeit, wo sie es tat.
Erst lernte das Kind mit dem Griffel schreiben, dann mit der Gänsefeder, wenn die Hand sicherer wurde und die gefährliche Flüssigkeit „Tinte“ ohne allzu große Gefahr für Papier und Anzug behandeln konnte.
Die Zeit der Gänsefeder war das goldne Zeitalter der Handschrift.
Die Gänsefeder war leicht, biegsam, ohne Mucken und Eigenwillen. Sie fügte sich der Hand so leicht, daß der Formwille des Schreibenden durch sie widerstandslos sich auf dem Papier ausprägte. Alle Handschriften aus jener Zeit sind schön und charakteristisch. Der Herr Lehrer kam morgens in die Schule und begann bei jeder Bank die Federn zu schneiden. Daher der Name Federmesser. Das Federschneiden war eine Kunst, die zum Lehrerberuf gehörte. Jeder Schüler streifte auf seinen Kiel ein Papierviereck mit seinem Namen, damit die Federn nicht verwechselt würden.
Die Gänsefeder ist noch heute das Sinnbild des Schreibens geblieben. Darum führt sie beispielsweise der Pariser „Figaro“ im Wappen. Und wenn auf der Bühne eine Figur als Schreiber bezeichnet werden soll, trägt sie einen Gänsekiel hinterm rechten Ohr.
Aber es kam eine Zeit, wo die Gänsezucht mit dem Schreibebedürfnis nicht mehr Schritt zu halten vermochte. Da eroberte die tausendmal verfluchte Stahlfeder das Feld. Früher waren alle Schriften schön, weil sich in allen der Wille eines Menschen zur Formgebung ausdrückte. Die Stahlfeder aber war eigensinnig, starrköpfig, eingebildet. Eine jede wollte von sich aus etwas sein, wollte bei der Schrift mitreden, ihren eigenen Charakter haben. Sie mußte gebändigt werden. Und sie wurde durch stramme Regeln gebändigt. Die Negeln hießen: Haarstrich, Grundstrich. Dem mußten sich alle sügen. Der Haarstrich und der Grundstrich beherrschten die Pädagogik der Schrift, wie ein Parademarsch. Die Kalligraphielehrer teilten das Leben ein in Haarstrich und Grundstrich.
Sie tun es noch heute, trotzdem die Herrschaft der Stahlfeder vorbei ist.
Denn sie ist vorbei. Die Stahlfeder ist von der Goldfüllfeder abgelöst, und die Goldfüllfeder ist der glorreich auferstandene Gänsekiel.
Darum känn es nicht laut genug verkündet werden: Schriftpädagogen, entsaget dem Haarstrich und dem Grundstrich, lehret alle Kinder so schreiben, daß sie sich an die Füllfeder mit der weichen, gänsekielgeschmeidigen Spitze gewöhnen.
Der Nest ist Kraftvergeudung u. Zeitverschwendung.