Original

15. Oktober 1926

Ich muß sagen, es stimmt mich ein bißchen weich, da ich die Feder zu diesen Zeilen ansetze. Hinter dem Schutt der Jahre herauf klingt es leise, ganz leise: „Schön ist die Ju-ugend .....“

Bloß weil mir jemand schreibt, es seien fünfzig Jahre her, daß in der Beaumontstraße das Café Henri eröffnet wurde.

Das ist das Halbjahrhundertjubiläum eines Einzelnen, aber Hunderte haben daran teil. Nach Hunderten zählen sie, die Toten und die Lebenden, die in diesen fünfzig Jahren „beim Hary an der Bomesgaaß“ ihren Stammtisch hatten, die guten und die schlechten Jahrgänge egal in sich hineinzählten, gute und schlechte Witze machten, wahre und falsche Geschichten erzählten, von den Leuten Gutes und Böses sagten. Und er besorgte sie liebevoll und väterlich, es war, als seien sie Pflanzen auf einem Beet und er ginge herum, sie zu begießen. Er begoß sie Jahr um Jahr mit dem Besten, was unsre Mosel entlang reifte. Er holte dazu Pott für Pott aus der Frische des Kellers. Und so unglaublich es klingen mag, er begießt sie noch heute, eigenhändig und unverdrossen, wie seit zehn Lustren trotz seiner neunzig Jahre.

Als ich heute morgen den Brief bekam, machte ich mich auf, um den alten Hary zu interviewen.

Ich kam nicht bis ins Haus. Er stand in seinem braunen Samtkäppchen und seiner blauen Schürze an der Ecke Neutor- und Beaumontstraße und seine Augen waren straßauf straßab auf der Suche.

„Wie geht’s, Hary?“

„Oh, wie soll’s gehen! Da steh ich und warte auf meine Leute, die mir die Fässer herumdrehen sollen. Das Andre habe ich alles besorgt, aber die Fässer allein herumdrehen kann ich nicht mehr. Sicher sitzen sie irgendwo im Wirtshaus. Und sie bekämen bei mir doch zu trinken, so viel sie wollten. Da ist der „Krunn“, habe ich ihnen gesagt. Aber nein, sie müssen in allen Kneipen herumsitzen, das gefällt ihnen.“

Ich war versucht, den Witz zu wiederholen, den Herr Dr. G .... vor Jahrzehnten beim Hary gemacht hatte. „Maacht ech neischt draus, Her Hary, humanum est.“ Aber der Augenblick war zu ernst. Ich sah vor der schlichten, altmodischen Fassade des Hauses Nocké - denn so heißt der Hary mit seinem ehrlichen. Familiennamen - zwei Wagen stehen, die ihre Moselheimat dem Kundigen auf Sehweite verrieten, und auf jedem lag ein Fuderfaß. Dem einen kroch noch die Schlange des Gummischlauchs zum Spundloch heraus in die Kellerluke.

Es lag nahe, diesen Patriarchen des Weingeschäfts zu fragen, was er von dem Diesjährigen dachte.

Hary kniff die Augen zusammen und sagte augurenhaft lächelnd: „Wenn er so gut wird, wie der Zwanziger, brauchen wir uns nicht zu beklagen.“ Und schilderte mir, wie er, der Neunziger, dieser Tage in den Wormeldinger Weinbergen herumstieg, um sich ein Urteil zu bilden.

„Ich war im Tornacoswingert,“ erzählte er. „Ich habe der Frau angelegen, sie soll mir den Wein aus diesem Weinberg gesondert und rein halten, damit ich etwas kriege, womit ich Ehre einlege. Sie sagte, ich könnte frei herumgehen in den Weinbergen, trotzdem sie geschlossen sind. Das fehlte noch, daß einer, der das Geld in Haufen nach der Mosel getragen hat, in den Weinbergen ein Protokoll betäme.“

Dem Einundzwanziger, der heute noch ausgeboten wird, steht Hary skeptisch gegenüber.

„Ich hatte in Bredimus drei Fuder gekauft. Die zwei ersten davon, sagten sie im Café, wären das Beste gewesen, was sie je getrunken hatten.“

Vom dritten schwieg er.

Als ich die Rede darauf brachte, daß das Café Henri jetzt grade fünfzig Jahr besteht, schrie er Zeter Mordjo über mein phänomenales Gedächtnis. Ich ließ ihn dabei.

Fünfzig Jahre!“ sagte er träumerisch. „Da hätte man reichlich Zeit gehabt, soviel zu verdienen, daß man jetzt ruhig im Fauteuil sitzen und seine Londrès rauchen könnte.“

Er sagte Londrès. Das war auch so ein Aufklang aus alten Zeiten, wo er noch der Vertrauensmann, der Jagdbegleiter, die rechte Hand des alten Herrn Norbert Metz gewesen war. Wahrscheinlich hat der als Lieblingszigarre Londrès geraucht, und sie ist für den alten Hary die ideale Zigarre geblieben.

Wie in dem oben erwähnten Brief steht, wird am nächsten Sonntag, 17. Oktober, das fünfzigjährige Stiftungsfest des Café Hary feierlich begangen.

Keiner der Gäste, die noch am Leben sind, wird den Tag vorübergehen lassen, ohne dankbar und freundschaftlich des alten Herrn zu gedenken, der da noch schaltet und waltet, wie immer seit dem halben Jahrhundert, und ohne ihm und seiner achtzigzährigen treuen Lebensgefährtin all das Glück zu wünschen, das sie reichlich verdienen.

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    Katalognummer BW-AK-014-3269