Original

30. Oktober 1926

Mein junger Kollege Kolka legt mit Hand an die Lanze, die ein Verein in Paris gegen den steifen Kragen brechen will.

Warum tun Sie das, Herr Kolka?

Warum helfen Sie auf diese Weise die immer dreister auftretende Meinung unterstützen, daß wir das schwächere Geschlecht sind? Denn das sind wir offenbar, wenn wir Vereine bilden müssen, um die Kragenmode zu überwinden.

Wo hat es je einen Bubikopf-Verein gegeben? Die Frauen dachten nicht daran. Sie waren es müde, daß man von ihnen sagte: Die mit den langen Haaren und dem kurzen Verstand. Und sie ließen sich einfach die Haare kurz schneiden, ohne deshalb das Carré eines Vereins zu bilden. Jede einzelne Frau war Manns genug, sich über ein Vorurteil hinwegzusetzen. Sobald sie Lust hatte, sich einen Bubikopf schneiden zu lassen, ließ sie ihn freilich noch nicht schneiden, bis sie die Gewißheit hatte, daß er ihr zu Gesicht stehen würde. Es muß Mittel und Wege geben, einen Bubikopf sozusagen aus der Zukunft in die Gegenwart zu projizieren, die langen Haare so aufzumachen, daß die Frisur den Bubikopf vortäuscht und ihrer Besitzerin Gewißheit darüber verschafft, wie sich ihr edelster Teil präsentieren würde, wenn von ihren Haaren das abgeschnitten wäre, was zuviel ist.

Sie sehen, lieber Herr Kolka, die Frauen brauchten keinen Verein, um einen Nubikon der Mode zu überschreiten, und wir sollten auch keinen brauchen, um das Joch des Kragens abzuschütteln. Frankreich ist das Land der Freiheit! Wenn man die Bastille gestürmt hat, muß man zum Donnerwetter auch den Mut haben, in weichem Kragen sogar auf einen Ball beim Präsidenten der Republik zu gehen, ohne sich auf einen Verein zu stützen.

Warum wollen Sie übrigens dem Kragen den Garaus machen? Wenn es keine steifen Kragen mehr gäbe, wenn die ganze Männerwelt ihre Hälse nur noch in einen weichen Faltenwurf drapierte, wo bliebe dann der Unterschied zwischen dem freien Mann und dem Modesklaven? Es wäre der Ruin der Individualität.

Der Kragen ist ein Tyrann. Das hat er von seiner altdeutschen Mutter Chrago, die Kehle. Sind wir nicht zuzeiten samt und sonders die Sklaven unserer Kehle?

Herrscht über ein Land ein Tyrann, so sind es nicht die Stärtsten, die am lautesten gegen ihn aufmucken, ganz im Gegenteil. Die Stärksten tun, als ob er jhnen nicht an den Wimpern klimpern könnte und als ob es ganz genau umgekehrt wäre. Sehen Sie die Engländer! Sie galten von jeher als das freieste Volk der Erde. Und sind es nicht ausgerechnet sie, die die steifsten und höchsten Kragen grade bei Anlässen tragen, wo sie ihnen am unbequemsten sein müssen, grade wie sie beim Parforce-Reiten über Hecken und Gräben Zylinderhüte und Monokel tragen und es als selbstverständlich betrachten, daß sie das nicht im geringsten geniert? Der englische Gent erlegt sich freiwillig die Tyrannei von Formen auf, die letzten Endes den Zweck haben, daß in der Gesellschaft sich jeder peinlich an der Kanthare hält, um den andern nicht lästig zu fallen. Es hieß darum immer, daß sie sich dafür auf dem Kontinent schadlos hielten.

Sie haben recht, Herr Kolka, über den Mann die Nase zu rümpfen, der immer einen Ersatz-Kragenknopf bei sich trägt. Er ist verdächtig. Es ist derselbe, der seinen Regenschirm mitnimmt, wenn der Aachener Wetterbericht auf Wochen hinaus ungetrübten Sonnenschein verspricht, und der schon vor Jahren sein ganzes Vermögen in fremden Devisen angelegt und so zum Niedergang des Francs beigetragen hat. Einer dieser Vorsichtsfexe, die im Leben nur Verkehrshindernis sind. Sie haben recht, Herr Kolka.

Daß einer zwei Kragen mitnimmt, für den Fall, wo er einen beim Tanzen verschwitzt, ist menschlich zu begreifen und gutzuheißen. Früher, wo der Walzer noch florierte, langte es sogar nicht mit zwei. Aber zwei Kragenknöpfe, das ist, um es auf Latein auszudrücken, Supererogatio und Superfœcundatio, auf Französisch Surérogation und Superfétation. Pfui!

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    Katalognummer BW-AK-014-3282