Original

31. Oktober 1916

„Ihre Sprache ist arm,“ sagte der junge Mann. Wenn es um abstrakte, transzendente Begriffe geht, @ Sie aufgeschmissen. Nicht einmal für aufgeschmissen @en Sie ein eigenes Wort.“

„Junger Mann,“ sagte ich gefaßt, „wenn Sie zur @ileidung Ihrer Gedanken in die Garderobe unserer @einsamen Altvordern greifen, warum hätten wir @ dasselbe Recht? Es kommt nur darauf an, daß @ Kleider sitzen. Warum sollen wir nicht sagen @geschmaß“? Das liegt uns auf der Zunge, gibt @ Mund voll, klingt nach etwas.“

„Aber das Abstrakte und Transzendente? Das @en Sie ohne auswärtige Anleihen nicht aus@en.“

@lso Sie sagen zu mir „Armer Schlucker!“ und @eln dabei mit gepumpten Scheinen herum!“

@

@der sind abstrakt und transzendent vielleicht ur@che Wortgebilde?“

@a ja, wenn man’s so nehmen will ...“

„Ich will Ihnen was sagen. Wo es sich um Augen@ges handelt, um Bewegung, Beharrung, Maße @ dergleichen, da ist unser armes Luxemburgisch @ als Ihr Buch- und Gelehrtendeutsch.“

Des möchte ich ein Beispiel haben.“

Also: Sie haben für einen gewissen Begriff das @chen zurück. Sie sagen: Ich war in Berlin, ich @ dorthin zurück. Und sind Sie dort, so sagen Sie: @in zurückgekommen. Man merkt keinen Unter@d in der Richtung, die Verschiedenheit des Hin @ Her ist nicht ausgedrückt. Wir sind dreimal rekcher. @ Vornehme sagt, wie der Deutsche, „zereck“ - @ er nicht im Jargon des Koofmichs „retour“ @ Der Luxemburger drückt es verschieden aus. Er @ „Ech kommen erem“ (to come round), aber: @ gin hannescht.“

Ja. Da muß man allerdings in die Geheimnisse @s Kauderwälsch eingeweiht sein.“

@ch hatte für seine Wegwerfung nur einen mit@gen Blick.

Wollen Sie ein andres Beispiel? Sie haben im @deutschen allerhand Formen verkümmern lassen, @ bei uns noch ihren vollen Dienst tun. So die @igerung durch die Nachsilbe ig. Sie liegt noch ab @ zu in einem Wort drin, wie in Kleinigkeit, aber @ ist sie ausrangiert. Wir geben damit unsrer @dart ein Relief, das Sie im Deutschen nicht @n. Wenn Sie sagen wollen „e klinzege Männ@ dann sind diesmal Sie aufgeschmissen. Und wir @chen diese bequeme Steigerung nicht nur, bei @en, nein, überall, wo uns das Wort im @wellen will, um möglichst viel auszudrücken. @gen: „Das allige Geld“ und meinen damit, @ll das Geld zugleich auch sehr viel Geld ist. Wir sagen „do hannegen!“ für „ganz da hinten“. Warum sagen Sie eigentlich nicht auch „da hintigen“? Hier kann ich Ihnen einen der Seitensprünge unsrer Mundart verraten. Wir haben den Ausdruck „e söllegen“, für „sehr viel“. Da ist die Nachsilbe ig daran schuld, daß ein Wort in der Uniform der Steigerung herumgeht, dem sie nicht gebührt. Einmal wird wohl jemand gesagt haben: „Ich habe einen solchen Haufen Kartoffeln gesehen.“ - „Wie hoch?“ der andre. - „Ein solcher Haufen war es,“ sagte der erste und zeigte mit der Hand, wie hoch der Haufen war. Und wie es kam, auf einmal sagte das Volk „e söllege Gromperen“ und meinte damit einen „solchen Haufen“.

„Ich bekäme wahrhaftig Lust, Ihre Sprache“ - er sagte nicht mehr Kauderwälsch - „zu lernen.“

„Tun Sie das, Sie werden sich wundern, welche Schätze Sie entdecken, wie kurz und bündig wir manches ausdrücken, wofür Sie die Zunge auf einen Umweg schicken und wieviele Zeugen der Vergangenheit in unserm Wortschatz lebendig sind.“

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    Katalognummer BW-AK-014-3283