„So, darf ich bitten, zum wechseln.“
Kein Bankschalter. Inhalierzelle. Erst war die Nase, jetzt kommt der Hals dran. Je zehn Minuten. Rechts an der hölzernen Scheidewand hängt die Uhr. Ein roter Zeiger teilt die Stunde in Schnitten von zehn Minuten.
„Für was darf es sein?“ hatte am ersten Tag das freundliche späte Fräulein mit den traurig sehnsüchtigen Augen gefragt. Es durfte für Nase und Hals sein.
„Will der Herr Platz nehmen .... Ist es so angenehm? .... Steht der Apparat richtig? .... Vielleicht ein bißchen tief .... Sooo. Bitte durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen. Nicht zu tief, normal atmen. Zu tiefes Atmen könnte Kopfweh und Benommenheit erzeugen.“
Vor mir stand über einem Waschbecken ein kleiner Destillierkolben - so sah er aus - mit gläserner Kuppel, aus der mir ein Ding entgegenragte, das eine phantastische Ähnlichkeit mit einer Nase hatte. Zwei reichlich große, längliche Naslöcher gähnten mir wohlwollend, hilfsbereit entgegen, schienen zu sagen: „Komm an unsre Brust, überlaß dich uns vertrauensvoll, Heil wird dir von uns kommen!“
Und leise rauschend entströmten ihnen feuchte, salzige Dämpfe, und das Fräulein in weiß sagte gütig: „So, bitte.“
Und ich legte vertrauensvoll meine Nase Loch an Loch mit ihrem porzellanernen Ebenbild zusammen und atmete gelehrig durch die Nase ein und durch den Mund aus.
Ich machte in Gedanken eine Erfindung. Man sitzt vor diesem Apparat unbequem, man säße viel bequemer, wenn das Gummirohr zwischen Glaskuppel und Nasenstück so lang wäre, daß man sich im Sessel zurücklehnen und die Schwesternase umhängen könnte. Aber ich bin zur Überzeugung gekommen, daß es nicht klug wäre, meiner Erfindung Folge zu geben.
Die Dämpfe brausten leise, ich atmete normal durch die Nase ein und durch den Mund aus. Die Augen fielen mir zu. Ich saß auf dem Verdeck eines Rheindampfers und eine junge Dame im Badeanzug lies herum und sagte, sie sei Miß O’Halloran und müsse von Calais nach Dover schwimmen, und der Friseur kam und suchte mir beizubringen, ich müsse mir den Schnurrbart abnehmen lassen und einen weißen Flanellanzug kaufen, dann werde die Miß ins Meer springen und der Schiffsleutnant ihr nach; der Friseur wurde zudringlich, die Maschine stampfte, der Friseur zog seine Rasierklinge auf der Binnenfläche der linken Hand ab und sagte: „Bitte ....“
„So, darf ich bitten, zum wechseln.“ Es war das Fräulein in weiß. Wir gingen zum Hals über. Die Porzellannase wurde durch ein Mundstück ersetzt; und ich mußte es jetzt umgekehrt machen: durch den Mund ein, durch die Nase aus.
Die Dämpfe brausten leise, und ich atmete mich leise hinüber ins Traumland. Bis Stimmen hinter meiner verhängten Zelle mich weckten (mit dem Gummischlauch meiner Erfindung hätte ich sicher weiter geschlafen): „Nehmen Sie’s auch für die Nase oder hat er nur Mund gesagt?“ - „Das Fräulein kommt gleich wieder zurück, die hier bedient.“ - „Ach ja, so’n Katarrh ist immer etwas Langwieriges. Mein Schwager ....“
Man glaubt gar nicht, was zehn Minuten unter Umständen für eine lange Zeit sind. Wenn Sie von der Großstraße in zehn Minuten an den Bahnhof laufen müssen, sind diese ein Minusbegriff, aber wenn Sie zehn Minuten lang durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen müssen, möchten Sie wetten, daß Sie in der Zeit dreimal an den Bahnhof und zurück laufen würden.
„Trinken Sie noch ein Glas Kochbrunnen? Sie müssen nicht,“ sagt das Fräulein, die hier bedient.
Man setzt sich noch zehn Minuten in einen Korbsessel, zum Abkühlen, und beobachtet den Nachschub. Wenn sie nicht gleich drankommen, betrachten sie sich von der Seite mit diskret gesträubtem Nackenhaar. Das sind nun doch alles Menschen, die nichts daber zu gewinnen oder zu verlieren haben, ob sie zwei Minuten früher oder später an die Reihe kommen. Und trotzdem sind sie entschlossen, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, daß sie in der Reihenfolge nicht zu kurz kommen. Gerechtigkeitsgefühl. Eigentumssinn, Individualitäts, instinkt, wie überall.
Oder sind diese zu den Obern Zehntausend geflohen?