Mit einem Anflug von Geringschätzung spricht man das Wort „Filmroman“ aus. Und meint damit, daß der Verfasser die literarische Qualität der Sensation zulieb vernachlässigt hat.
Man kann damit recht und kann damit unrecht haben. Jedenfalls hat man damit nicht notwendigerweise recht. Sensation braucht nicht unliterarisch zu sein. Tempo, Dynamik, Abenteuerlichkeit stehen der Literatur sowohl an, wie dem Film. Und darum sollte man endgültig darauf verzichten, daß man die Bezeichnung Filmroman als bequeme Abstempelung und Rubrizierung von Werken gebraucht, die man damit als minderwertig bezeichnen will.
Ein guter Filmroman muß für den Film geschrieben sein. Ein Maler, der eine Zeichnung für den Holzschnitt anfertigt, weiß, daß er eine andere Technik anwenden muß, als wenn er für Photo- oder Lithographie arbeitet. Der Filmschauspieler muß sich eine ganz andere Bewegungskultur zu eigen machen, wie der gewöhnliche Bühnenkünstler. Darum muß auch, wer für den Film schreibt, mit den Mitteln des Kino rechnen, nach oben und nach unten.
Als die Lichtspiele aufkamen, wurde die neue Kunst erst richtig, aber dann bald falsch gestartet. Ganz zuerst wollte sie nur zeigen - sie war eine Kunst fürs Schauen - und dann auf einmal bildete sie sich ein, sie könne auch erzählen. Es wuchs ein Geschlecht von Filmregisseuren heran, die die Welt mit blutigem Kitsch überschwemmten. Schauergeschichten wurden gedreht, konnten sich aus sich selbst nicht den Zuschauern klar machen und mußten mit langen, oft mehrsprachigen Legenden durchspickt werden. Die Bilder hatten, trotzdem darauf die Figuren sich bewegten, die Wogen rollten, die Bäume rauschten, nicht mehr Bedeutung, als Illustrationen zu einem Roman in einer Familienzeitschrift. Es waren Romaue im Film, aber keine Filmromane.
Ein Filmroman, der diesen Namen in Ehren tragen soll, muß sich von vorn bis hinten ohne Legende ganz von selbst erzählen, es braucht dem Zuschauer nicht einmal mitgeteilt zu werden, wie die einzelnen Personen heißen. Der Zuschauer muß sich behelfen können mit Begriffen wie: der große Mann mit der Brille, der kleine Blonde, die Frau mit den bösen Augen, der Chauffeur, der Falschspieler, die Naive u. s. w. u. s. w.
Diese Pantomimik muß ein Roman haben, um ein Filmroman zu sein.
Um literarischen Wert zu besitzen, braucht er noch mehr. Aber die Pantomimik schließt den literarischen Wert nicht aus.
Die Hauptkulturaufgabe des Kino liegt aber, wie gesagt, nicht im Erzählen, sondern im Zeigen. Das Kino sollte die Besitzlosen dafür entschädigen, daß sie kein Geld haben, um Weltreisen zu machen. Zu den ersten Filmen, die die Reise um Europa machten, gehörten zum Beispiel die Aufnahmen von spanischen Stierkämpfen. Man braucht nicht grade ein Afficionado zu sein, um den Wunsch zu hegen, einen Blick in eine Arena zu werfen, die Beschreibungen, die man gelesen hat, in einen dauernd haftenden, visuellen Eindruck überspringen zu sehen. ein Stückchen eigenartigster Kurlturwelt sich plastisch zu eigen zu machen. Mit solchen Filmen hatte das Kino begonnen, seine Hauptaufgabe zu erfüllen. Es kann nicht schmerzlich genug bedauert werden, daß es durch eine bornierte Regisseurkunst auf Wege gedrängt wurde, auf denen es die Phantasie der Massen in Irrtum führt. Kein monumentales Werk der Weltliteratur, kein Höhepunkt der Weltgeschichte ist vor Umbiegung, Verkitschung, „Adaptierung“ mehr sicher.
Zurzeit läuft zum Beispiel ein Film: „Manoa“, der das Leben und Treiben der Bewohner und Bewohnerinnen von Samoa in vorzüglichen Bildern vorführt.
Ist das nicht tausendmal wertvoller, als wenn mit Schminke und Friseurkunst uns ein Napoleon oder Bismarck, eine Cleopatra oder Jungfrau von Orleans von Regisseurs Gnaden vorgeflimmert werden?