Original

28. April 1927

„Wie, Sie haben Abendroth nicht gesehen! Schämen Sie sich! Sie sind ein kulturloser Barbar! Sie haben sich um das Höchste betrogen!“

„Ich schäme mich, Gnädigste. Ich war .....“

„Schweigen Sie! Und hätten Sie auf dem Todbett gelegen, es wäre ein Verbrechen gewesen, nicht aufzustehen, um dies zu erleben: Wie die Wunder, die vor hundert und soviel Jahren aus der stolzen Künstlerseele Beethovens blühten, im Feuer einer andern aufgeglüht, zu neuem, unerhörten Leben erweckt wurden!“

Solches und Ähnliches bekam ich seit Montag früh von allen Bekannten zu hören, die tags zuvor dem Beethoven-Konzert beigewohnt hatten.

Ja, ich habe ihn nicht gesehen und weiß, daß ich mich selbst um eines der größten Erlebnisse gebracht habe, zu denen uns hier Gelegenheit je geboten war.

Aber ich habe ihn dennoch erlebt, vielleicht stärker und reiner, als die andern, die ihn gesehen haben. Denn ich erlebte ihn durch die Begeisterung ihrer Schilderungen hindurch, im Widerschein ihrer Augen, in der Hingerissenheit ihrer Worte. Und ich glaube, ich kann ihn mir vorstellen und weiß, wodurch er wirkte.

Das Technische verschwindet. Er ist einer, der durch Format und Qualität die unbedingte Macht hat über Menschen, weil in ihm die rein menschliche Suggestionskraft wirkt, die auch von den Werken Beethovens ausgeht.

Von Zeit zu Zeit erscheint einer, dem solche Heilandkraft gegeben ist. Aber er muß zuerst auch Heiland sein wollen, muß - nach dem in einer Kritik zitierten Wort - „sich selbst verbrennen wollen, um der Menschheit zur leuchtenden Flamme zu werden“.

Es ist nicht anders möglich, als daß sich in der Glut dieses Ingeniums alles Materielle der Kunst aufgelöst und sich mit dem reinen Menschtum dieses Einzigen zu einer seelischen Masse durchdrungen hat, die mit der Fessellosigkeit der Elemente auf die Zuhörer einstürzt.

In solchen Auserwählten wird die große Wahrheit Ereignis: Sich selbst muß man hingeben, um alle zu gewinnen. Sie reißen alle fort bis zu den letzten Dingen des Lebens, weil sie der Dämonie des Schönen restlos verschrieben sind. Sie haben den Kreis vom primitiv Menschlichen durch das reinigende Feuer der Kunst und durch ihre sieben Himmel zurück zur menschlichen Abgeklärtheit durchmessen, und so wirken sie auf Menschen mit der Unmittelbarkeit, die unter keinen Schlacken und Hemmungen mehr leidet.

Ein Freund, der den Proben beiwohnen durfte, erzählte mir, wie Abendroth im gegürteten Pullover und Knickerbockers auf dem Podium stand, wie bei seinem Gruß alle Orchestermitglieder sich erhoben, als hätte sein Blick sie in die Höhe gezwungen, wie er mit ruhiger Eindringlichkeit und gelassener Bestimmtheit, in der wohl ein Schuß Jronie mitklang, einzelnen Musikern seine Bemerkungen machte, - wie es dann auf einmal wurde, als reiße er alle an sein Herz und jage aus seinem Herzen durch ihre Herzen die Tonflammen, die der Meister einst in großartiger Einsamkeit an der Gottheit Fackel entzündet hatte.

Alle, die ihn gesehen haben, beschrieben ihn, hingerissen von der unheimlichen Macht seiner Persönlichkeit: Die wuchtige Gestalt, die suggestive Gewalt einer Ausstrahlung, die alles um alles hergab.

Jetzt weiß ich wirklich nicht, ob ich bedauern soll, ihn nicht gesehen zu haben. Mächtiger könnte in mir sein Bild nicht leben, als so, wie ich es von den Zeugen seiner Wunderwirkung empfangen habe.

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    Katalognummer BW-AK-015-3428