Original

27. April 1927

Die grausamsten Menschen, die unter uns leben, sind unstreitig die Ausrufer.

Diese Männer, deren Handwerk eigentlich ein Mundwerk ist, finden an blutrünstiger, kaltlächelnder Grausamkeit nicht ihresgleichen.

Wir sahen es wieder einmal am vorigen Donnerstag auf dem Weinmarkt in Grevenmacher.

Da stand ein Mann gegen hundert und rief die Weine aus. Gebieterisch, unnahbar, wie ich mir die Festordner im Tal Josaphat am Jüngsten Tag vorstelle, mit Blicken, die wie Scheinwerfer über die Versammlung strichen und mit einer Stimme, in deren Hintergrund es immer aufregend scholl, wie der Brandruf: Feuerwehr!, so stand dieser eine Mann gegen hundert und rief die Weine aus. Und aus der Menge flammte die Gier auf nach den Weinen, in denen eines ganzen Jahres Sonnenschein als Geist und süße Herbheit eingefangen war.

Dieser Ausrufer war, wie alle seine Kollegen, ein berufsmäßiger Unhold, ein Seriemörder, ein Verführer Don Juan, ein Blaubart, ein Kinderfresser Kros.

Er sandte seinen Ruf hinaus, eine Gier zu umwerben, die er über einem Haupt flammen gesehen hatte, gleich dem Flämmchen über einem Jünger Christi am ersten Pfingsttag; eine Gier, die er in einem Blick hatte aufleuchten sehen. Und wie der Jäger den Falken hinter der Taube, schickte er seinen Ruf hinter der Gier her. Er verfolgte sie, umwarb sie, umstrickte sie, kreiste sie ein, hypnotisierte sie, ein siegesgewisser Svengali eine willenlose Trilby, bis der Funke sprang, bis das Kind zur Welt kam! Und mit einem Triumphschrei kündete er die Geburt, rief siegestrunken das Gewicht des Neugeborenen aus, daß die Wände davon widerhallten: 7500! Er hob es auf den Arm, zeigte es herum, weidete sich an dem Staunen, der Verblüssung, dem Neid der lieben Verwandten. Rief es noch ein paarmal in den Saal, aber der aufmerksame Zuhörer merkte schon das leise Decrescendo, fühlte empört, wie schnöde Untreue und zynische Verruchtheit die Freude über das Neugeborene allmählich verdrängten. Und der werbende Ruf stürzte sich auf eine andere Gier, setzte ihr zu, ließ nicht locker, bis wieder der Funke sprang. Da fraß der Grausame das Vorige und nahm das Neue auf den Arm und herzte und küßte es vor allem Volk. Denn es war um einen halben Tausender fetter, als das Vorige, es wog rund achttausend! Achttausend! rief er stolz über alle Köpfe weg. Achttausend! Und er hielt es dem Volk entgegen, wie weiland Maria Theresia ihr Söhnchen Joseph den ungarischen Magnaten, und es war, als riefen die Hunderte ihm entgegen: Moriamur pro rege nostro!

Aber wieder geht der nimmersatte Blick auf die Suche nach einer Gier, mit der er ein noch fetteres Knäblein zeuge, und wieder wird das Vorige schnöde gefressen.

Bis der Herr Notar findet, daß das Letzte dick und fett genug ist, und dem grausamen Spiel ein Ende macht.

Finden Sie, dies sei übertrieben, so versetzen Sie sich in die Lage eines unerfahrenen Liebhabers, der auf einer solchen Versteigerung bietet: Er fühlt seinen Blick in den des Ausrufers verhäkelt, er hält ihn in diesem Augenblick für einen Verbündeten, einen Freund, einen Wohltäter, der ihm ein kostbares „Schlabeitchen“ augenzwinkernd zuschustern will; er schnappt ein und erfährt im nächsten Augenblick eine der bösesten Enttäuschungen seines Lebens. Dieselben Augen, die ihn so aufmunternd, so verheißungsvoll angeblitzt hatten, treiben nun dasselbe Sirenenspiel mit einem andern, und der erste fühlt sich unbeachtet am Wege liegen, wie eine leergepustete Blase.

Ach ja, Versteigerungen sind reich an psychologischem Auf und Ab.

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    Katalognummer BW-AK-015-3427