Original

30. April 1927

Sie wissen, was ein Füßchen ist? Das primitivste Fortbewegungsmittel mit Rädern, das die Technik kennt. Unsere Trottoirs in den volksreichen Straßen wimmeln davon, besonders in den Wochen und Monaten nach St. Niklaus und Weihnachten. Mit heißen Bäckchen und blitzenden Augen kommen sie gefahren, die glücklichen Füßchen-Besitzer, stoßen sich ruckweise vorwärts, wie die Forelle stromauf, eifrig über die Lenkstange gebückt, um sich genießerisch von der Höhe der aufgespeicherten Kraft herunter auslaufen zu lassen. Zwei, drei, vier Sekunden lang haben sie das beseligende Gefühl des Fliegens ohne Flügelschlag, des mühelosen Sichgleitenlassens, der göttlichen Beherrschung des Raums.

Ich sah ein junges Paar Arm in Arm an einer Straßenecke stehen und dem Füßchenbetrieb zusehen, bis die Elektrische kam.

Er sagte: Suschen, ist dir schon aufgefallen, wie dies Füßchensahren ein genaues Bild des Lebens ist?

Suschen antwortete: Nein, Max, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Du hattest immer soviel Phantasie.

Max: Doch. Sieh einmal, ist es nicht ganz wie im Leben? Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Beobachte jenes kleine Mädchen ....

Suschen: Das mit den blonden Zöpfen?

Max: Und mit dem gescheidten Gesicht. Sieh ihr zu. Erst rackert sie sich ab, zehn, zwanzig, dreißig Meter weit, ehe sie sich über den Rest der Strecke auslaufen lassen kann. Dreißig Meter weit gibt sie alle Kraft her, fünf Meter weit trägt sie der Anstoß. Die Efficiency - verzeih das harte Wort - beträgt fünf gegen dreißig oder 16.666%.

Suschen: So ähnlich haben wir es schon in der Bibel gelernt.

Max: Dieser periodische Dezimalbruch ist in unserm Fall symbolisch. Er bedeutet: Du genießest deine Ruhe bis in Ewigkeit und kommst doch nicht auf den Betrag der verausgabten Kraft. Dafür haben die Götter gesorgt, daß immer ein kleiner Rest für sie übrig bleibt.

Suschen: Vom Füßchen bis zu den Göttern! Aber Max!

Max: Man kann den Vergleich noch weiter ausspinnen. Die einen stoßen ihr Füßchen auf glatter Bahn vorwärts und haben einen normalen Nutzeffekt, die andern müssen sich auf holperigem Pflaster weiterschaffen und kommen nie dazu, daß sie ihr Füßchen auch nur eine Elle weit von selber trägt.

Suschen: Ja, und welche gleiten immerfort bergab und andere müssen immerfort bergauf keuchen.

Max: Närrchen, das gibt’s doch nicht. Wer einen Berg herunterfährt, muß ihn auch wieder hinauffahren.

Suschen: Warum, Max, wenn die Strecke bergab lang genug ist?

Max: Freilich, wenn ein Kuß ewig dauerte.

Suschen: Max! Kannst du nicht warten bis zuhause!

Max: Gut. Aber ich möchte noch weiter gehen in der Verfolgung meiner Idee. Könnte man nicht in engerem Sinn das Füßchen mit dem Eheleben in Vergleich stellen?

Suschen: Wieso?

Max: Nun, indem man gewissermaßen die Rollen der beiden Gatten auf die beiden Beine verteilt. Das eine, das linke Bein, steht ruhig auf der Leiste, das ist sozusagen die Frau, deren Reich im Haushalt liegt, während das rechte Bein, der Mann, unaufhörlich draußen schafft, um das Ganze vorwärts zu bringen.

Suschen: Dafür fliegt er aber auch beim Auslaufen frei und ungebunden dahin.

Max: Wie kannst du sowas sagen, Suschen! Sieh doch, wie er sich gerade im Auslaufen so innig an seine Gefährtin schmiegt.

Suschen: Nun ja, es gibt Ausnahmen. Andrerseits solles auch Linkser geben, bei denen also das rechte Bein immer in Ruhestellung bleibt, während das linke draußen schafft, wie du sagst, um das Ganze vorwärts zu bringen.

Max: Mag sein. Aber unsere ganze bürgerliche Gesetzgebung ist auf dem Mann als rechtem und der Frau als linkem Bein aufgebaut. Schon im Altertum ..... (weiter hörte ich nichts von ihrem Gespräch, weil die Elektrische kam).

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    Katalognummer BW-AK-015-3430