Als wir kürzlich in Echternach waren, konnten wir nicht umhin, die Treppen zu dem Idyll der alten Pfarrkirche hineufzuklettern und den Rundgang zu machen, bei dem man über die Dächer des lieben alten Städtchens bis zu den grünen Sauerhügeln sieht.
Der fremde Kollege streichelte mit der Rechten einen schweren, rotbraunen Eckstein neben dem Seitenpförtchen und sagte träumerisch: „Ich stelle mir nicht ohne Rührung vor, wie vor Jahrhunderten die Steinmetzen keuchend und schwitzend diesen Brocken an seine Stelle hoben und zurecht rückten. Ihre schwieligen Hände begriffen ihn hier, wo meine weiche Schreiberhand ruht. Und derselbe Himmel stand über ihnen, dieselbe Horizontlinie lief rundherum vor den weißen Wolken und der tiefen Bläue des Firmaments, vielleicht trauser und dichter noch bewaldet, die Türme der Ringmauern waren ungebrochen und bedeuteten noch Schutz und Gefahr, der Fluß rauschte, und Herzen schlugen in den Gassen und Gäßchen und Häusern, in Haß und Liebe, in Glück und Leid, in Edelmut und Gemeinheit - das alles erzählt der tote rotbraune Sandstein, und man zittert wie ein Glied in eine@ Kette, die langsam über das Rad der Ewigkeit läuft.“
Ähnliches hätte er dieser Tage gesagt, wenn er dabei gestanden hätte, wie am Portal der LiebfrauenKathedrale in Luxemburg Männer dabei waren, die neue Statue des hl. Nikolaus hoch oben aufzustellen. So standen die Leute vor Jahrhunderten, wenn an den Kathedralen die Nischenheiligen hochgezogen und aufgestellt wurden, in Reims, in Paris, in Straßburg, Köln, Toledo, Burgos usw. usw. Grade hatten sie in der Kammer das Gesetz über den Denkmalschutz erledigt, und es war, als käme von all dem guten Willen und der Begeisterung für das Schöne, Gute. Edle eine Welle wethevoller Stimmung durch die St. Niklausgasse herüber und bräche sich zu den Füßen des Heiligen, dessen Namen Straße und Kirche tragen.
Der alte gute heilige Niklaus war ins Bröckeln geraten, wie unter ihm seine Kollegen, der heilige Petrus, der heilige Paulus und der heilige Ignatius. Und da hatte die Kirchenfabrik von Liebfrauen den vorzüglichen Gedanken, sie aus echtem Stein neu aushauen zu lassen, von einem echten Künstler, der dazu ein Luxemburger Kind ist: Albert Kratzenberg.
Er stand auch dabei und sah ganz anders aus, als drunten in einem alten Schuppen des Walferdinger Schlosses, wo er sein Atelier aufgeschlagen hatte und wo ich ihn kürzlich besuchte. Drunten waren um ihn Staub und Nüchternheit, ein fahler, müder Alltag, ein weißgraues, schwung- und poesieloses Licht. Das funkelnagelneue Apostelpaar stand fertig da und sah zu, wie er am hl. Nikolaus meißelte, dessen Gipsmodell. von seiner Vergänglichkeit innig durchdrungen schien und sich keinerlei Mühe gab, feierlich auszusehen. Der hl. Petrus glich einem früheren, unvergessenen Staatsminister, wenn er seine Rede auf Königs Geburtstag hielt, und der hl. Paulus murrte in seinen langen Bart: Stadtgeschmeiß!
Jetzt war es anders. Jetzt sah der Künstler seine Werke in der hellen Wärme des schönen Steines mit dem matt schimmernden Korn im Licht auferstehen und durste sich sagen: Da steht die Kunst meiner Hände und meines Geistes, dort wird sie durch die Jahrhunderte stehen, und wenn ich lange zu Staub zerfallen bin, dann werden noch immer Menschen kommen, mit und ohne Bädeker, und werden die Köpfe in die Nacken legen und sagen: Von wem ist das? Und die Patina der Jahrhunderte wird an den Leibern meiner Heiligen wachsen wie eine warme Haut, Kenner werden darüber schreiben, ein Stück von mir wird in ihnen leben und ich werde durch sie unsterblich sein, ein wenig unsterblich immerhin, mehr, als wenn ich ein reicher Schieber gewesen wäre.
Der Staat könnte sich hier ein Beispiel nehmen Keine hundert Meter von der Stelle, wo die Kirche für wirkliche Kunst Geld - hoffentlich viel Geld - ausgegeben hat, steht die Fassade des Kammergebäudes und verkündet in die Runde das Evangelium des Kitsches durch ein paar Frauensiguren, die in keiner andern Stadt ihr steinernes Dasein vierundzwanzig Stunden fristen könnten, ohne daß sich einer fände, der bei Gefahr seines Lebens die Fassade erkletterte und unter dem Jubel der Bürgerschaft diese Geschmacksverirrungen vom Antlitz der Erde tilgte.
Vielleicht haben wir einmal Geld genug übrig sie durch Kunstwerke zu ersetzen, die diesen Namen verdienen.