Original

7. Mai 1927

Also am Montag abend, halb neun, wird der Saal des Pole Nord die Menge nicht fassen können, die dort zusammenströmen wird, um den Lichtbilder-Vortrag des Trierer Verkehrsamtsdirektors Delacroix über Luftverkehr zu hören.

Wir haben seit Jahr und Tag Vorträge über alles Mögliche und Unmögliche über uns ergehen lassen, über Voronoff und über die Geschlechtsbestimmung bei den Maikäsern, de omni re scibili et quibusdam aliis, über die 900 Thesen des Pico v. Mirandola, nur über Flugverkehr und Flugwesen hat uns noch niemand unterrichtet.

Wir wissen davon kaum mehr, als was uns vom Krieg her in blutiger Erinnerung geblieben ist. Ein Gestank von Schwefel und Pikrinsäure begleitet immer noch unsere Vorstellungen vom Luftverkehr.

Einzelne Landsleute freilich fühlten in sich schon den unwiderstehlichen Drang, mit ihrer Zeit voranzufliegen, einer hat uns über seine Luftfahrten in anziehenden Reisebriefen berichtet - aber es sind eben nur Einzelne. Als Ganzes sind wir von dieser mächtigen Bewegung noch nicht ergriffen.

Also: Wacht auf, ihr Schläfer, aus der Ruh: Navigare necesse est, vivere non necesse est! (Verzeihen Sie die vielen lateinischen Zitate, man kommt in der Römerszene der Revue so in Schwung.)

Also, das Leben ist entbehrlich, die Schiffahrt nicht. In andern Worten, wenn wir nicht mit auf den Schiffen fahren, wären wir grade so gut tot. Das gilt heute auch von den Luftschiffen. Wer nicht vorwärts. geht zurück. Wir müssen mit, oder wir bleiben am Straßenrand liegen, wie ein Rennfahrer ohne Rad.

Machen wir uns keine Illusionen.

Die Zukunft lag erst auf der Erde, dann auf dem Wasser, heute liegt sie in der Luft. Man baut zwar noch keine Schlösser in die Luft, aber Bahnen.

Daß wir keine Handelsflotte haben, kann uns nicht als Rückstand angekreidet werden. Ein Korridor für uns nach der Nordsee würde zu Komplikationen mit Belgien führen.

Aber denken Sie sich bitte nur fünf Sekunden lang aus, was aus uns geworden wäre, wenn wir uns keine Eisenbahnen bis an die Landesgrenzen gebaut hätten! Täglich zweimal gingen am Goldenen Anker, am Luxemburger Hof, am Roten Kreuz, am Kölnischen Hof die Postlutschen vierspännig nach Diedenhofen, Arlon, Longwy, Trier, um uns Anschluß an die französtschen, belgischen und deutschen Bahnen zu verschaffen. Und wir wären eine europäische Sehenswürdigkeit, ein Biedermeiermuseum, das Europa auf seine Kosten unterhielte und das einem internationalen Denkmalschutz unterstände.

Genau so wird es uns ergehen, wenn wir nicht rechtzeitig den Anschluß an den internationalen Luftverkehr finden. Die Eisenbahnen wären an uns vorbeigerollt, der Luftverkehr ginge uns über die Köpfe weg. Denn die Menschheit ist wirklich in dem Stadium, wo sie ein richtiger Ärger gegen sich selbst darüber erfaßt hat, daß sie so lange das schönste Element, die Luft, hat sozusagen brach liegen lassen. Wir kommen aus dem Wasser, haben allmählich die Erde erobert, jetzt hat die Epoche der Luft begonnen. Wir bringen es schon fertig, ganze Tage lang ohne Motor uns hoch in der Luft herumzuschwingen. Wie wir im Wasser den größten Fischen über sind, lassen wir auch in der Luft den Adler schon weit hinter uns.

Das heißt, wir nicht. Wir haben noch kein Recht, mitzusprechen, wenn vom Fliegen die Rede geht. Wir sind in der Lage, in der unsere Großväter vor zirka achtzig Jahren inbezug auf die Eisenbahnen waren.

Wir sollten jeden Anlaß benutzen, unser Wissen um den heutigen Stand und die Zukunftsmöglichkeiten des Luftverkehrs zu erweitern, damit jeder von uns zu einem ungestümen Fordrer des baldigen Anschlusses werde.

Die nächste und beste Gelegenheit dazu ist der Vortrag des Herrn Delacroix

am Montag abendim Pole Nordhalb neun Uhr.Eintritt frei.
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    Katalognummer BW-AK-015-3436