Ich zerbrach mir lange den Kopf darüber, wem er wohl gliche. Endlich flog ein Schlaglicht über meinen laughing Buddha, den lachenden Buddha, der daheim auf meinem Schreibtisch steht. Er ist aus echt chinesischem Porzellan, bitte. Ein lieber Freund hat ihn mir von einer Weltreise aus Peking mitgebracht, und es tut wohl, ihn in seiner verträumten Behäbigkeit, mit dem verlorenen Lächeln des Philosophen dasitzen zu sehen, der über die Welt lächelt, weil sie gar so arg verdreht ist, und weil er sich dennoch freut, auf ihr zu leben und sich die Sonne auf den Nabel scheinen zu lassen.
Dem also glich der Mann, der in der Dorfwirtsstube in der Ecke auf einem Podium saß und die Ziehharmonika knutschte. Das Podium, auf dem er saß, war ein Kasten, der zum Verpacken seiner Musilwerkzeuge und als erhöhter Sitzplatz diente. Praktisch. Rationalisierung.
Der Mann spielte seine große Ziehharmonika con amore, und er schlug dazu mit dem einen Fuß die dicke, mit dem andern die kleine Trommel. Viele wissen noch nicht, daß heute die Ziehharmonika sich zu einem rollständigen Orchester ausgewachsen hat. Je eine Schnur führt vom Boden ein paarmal um die Ecke über Rollen bis zu einem Schlagwerk, das zu einer dicken bezw. einer kleinen Trommel gehört. Der Genuß am Rhythmus prägt sich in den Zügen des Mannes aus, wenn er so mit den Füßen vor- und nachschlägt, bummdädä. bummdädä, und dazu der Quetschkommode die schmelzendsten Akkorde entlockt. In seinem runden Gesicht mit den gesunden, glänzenden Backen, steckt eine Pfeife, die er nie anrührt; es ist merkwürdig, daß eine Pfeife, die aus einem Gesicht herausragt, stets den Ausdruck von Wohlbefinden und Gutmütigkeit darin unterstreicht oder gar ganz erzeugt. Die Wirkung einer Zigarre oder einer Zigarette ist davon total verschieden.
Auch im weiteren Verlauf seiner Körperlichkeit nach unten verriet der Orchestermann Wohlgenährtheit, guten Charakter und ruhiges Gewissen. Ganz mein Buddha.
Von Zeit zu Zeit hörte er mit Spielen auf. Dann desilierten die Tanzpaare an ihm vorbei, wie die Gläubigen, die beim Opsergang um den Altar schreiten, er öffnete diskret die Hand und jeder Jüngling drückte den schuldigen Obolus hinein. Er lächelte alle zutraulich an, nickte ihnen zu, und sie fanden sich durch seine Zutraulichkeit geehrt. Dann begann wieder der Tanz, Buddha ließ sich wohlig in dem Meer von Ton und Rhythmus versinken, das seinen Händen und Füßen entquoll. Und es ging ein Zauber von ihm aus, eine Atmosphäre von ruhiger, selbstsicherer Lebensfreude, von lächelnder Wurschtigkeit, von süßem Nichtstun bei treuem Dienst am Ganzen.
Und sie tanzten dazu alles, was seit den Tagen der Amerikaner als Tanz gilt, nicht mehr und nicht minder, als auf den Lämmerhüpfen der Hauptstadt, zu denen eine teure Kapelle aufspielt. Und sie hatten dieselben Bubiköpfe und dieselben kurzen Röcke und seidenen Strümpfe. Und ihre Kavaliere rauchten dieselben Zigaretten, wie die Blüte der städtischen Männerwelt, und alle amüsierten sich königlich, und man begreift nicht, wie man einen Verein „Landwuel“ gründen mußte, um den Leuten das Leben auf dem Lande angenehmer zu machen.
Ein Pärchen war dabei, das den braven alten Walzer tanzte, wie sie ihn vor vierzig, fünfzig Jahren „in den Gärten“ vor dem Neutor tanzten. Er und Sie waren ein Kreisel, der durch den Saal drehte, Er hatte seine Wange an Ihre Wange gelegt - „dann fließen die Tränen zusammen,“ heißt es ästhetischer bei Heine -, die Finger Seiner Rechten durchflochten die Finger Ihrer Linken und die zwei gereckten Arme pumpenschwengelten langsam im Takt des Walzers auf und ab. Und das Pärchen war zweifellos vollkommen glücklich.
Und Buddha zog es an den Seidensträhnen der Musik lustvoll durch den Raum und lächelte dazu, wie über ein Spielzeug.