Original

14. Mai 1927

In dem kürzlich hier angeführten Memoirenbüchlein von Louis Hymans steht noch eine andere kleine Geschichte, die allerlei aus der Schule schwätzt, aus unserer eigenen Schule, die wir aber trotzdem hier nacherzählen wollen, weil man aus ihr nicht auf uns exemplifizieren kann. Wir Wilde sind tatsächlich bessere Menschen.

Louis Hymans war damals Herausgeber des „Echo du Parlement“.

„Vor zirka 6 Jahren - erzählt er - kam zu mir ein blutjunger Mann, der mir ungefähr folgende Rede hielt:

Ich bin Schreiber im Ministerium des Innern. Ich muß annehmen, daß man mich dort für völlig um begabt hält, da man mir hartnäckig jede Beförderung vorenthält. Ich fühle nun in mir den Beruf zum Journalisten und möchte fragen, ob Sie Verwendung für mich haben.

Was können Sie?

Ich habe ganz allein deutsch und englisch gelernt, ich könnte die auswärtigen Zeitungen übersetzen, aber lieber wäre es mir schon, wenn ich für Sie korrespondieren könnte. Ich weiß Bescheid in der Politik der europäischen Staaten, und wenn Sie es wünschen, schicke ich Ihnen jeden Tag einen Brief von Berlin, Wien, London, Bukarest oder einer beliebigen andern Hauptstadt.

Ich beobachtete den jungen Mann überm Sprechen. Sein Gesicht gefiel mir sehr gut. Er machte den Eindruck der Aufrichtigkeit und Überzeugung und in seinem Auftreten war keine Spur von Ruhmredigkeit.

Das wird mir teuer zu stehen kommen, sagte ich.

Diese Seite der Frage kann ich nicht beurteilen, entgegnete er. Ich verpflichte mich, Ihnen sechs Briefe wöchentlich für 75 Franken zu liefern.

75 Franken pro Woche?

Nein, pro Monat. (Preisverderber!)

Ich fiel aus den Wolken.

Gut, sagte ich, versuchen wir einmal, über das Weitere können wir uns später einigen.

Der junge Mann erschöpfte sich in Danksagungen und ging hochbefriedigt fort.

Ich erfuhr auf Anfrage, daß er in der Direktion des öffentlichen Unterrichts beschäftigt war. Seine Chefs sagten von ihm: Er ist intelligent, aber er hat den Geist der Verwaltung nicht.

Das war mir ziemlich egal. Übrigens sollte ich ihn bald am Werk sehen.

Sein erster Brief, der von Wien datiert war, gefiel mir ausgezeichnet. Zwei andere, über Numänien, führten zu einer hochinteressanten Polemik. Aber da zu jener Zeit die öffentliche Meinung sich stark mit den Vorgängen in Deutschland beschästigte, bat ich meinen Korrespondenten, vorwiegend Briefe aus Berlin zu schreiben.

Einige Wochen später erhielt ich von meinem Kollegen und Freund Herrn Adert. Chefredakteur des „Journal de Genève“ folgenden Brief:

Es ist mir aufgefallen, wie interessant die Briefe Ihres Berliner Korrespondenten sind. Wenn Sie mir seine Adresse in Berlin geben wollten, würde ich mich freuen, mit ihm in Verbindung zu treten, natürlich nur, sells Sie nichts dagegen haben.

Sofort schrieb ich an meinen Korrespondenten. Er hieß Victor Gantier. Er kam sofort zu mir.

Was ist da zu tun? frug ich.

Sehr einfach, sagte er. Ich fahre heute abend nach Berlin. Übermorgen haben Sie telegraphisch meine Adresse und können sie Herrn Adert schicken.

Gesagt getan.

Dieser junge Mann ist heute, nach allgemeinem Urteil, einer der hervorragendsten Korrespondenten nicht nur der belgischen, sondern der europäischen Presse. Er hat sich heute dauernd in Berlin niedergelassen.

Ich könnte, schreibt Louis Hymans zum Schluß dieser lehrreichen kleinen Geschichte, mehr als einen Mann anführen, der in den öffentlichen Verwaltungen für unfähig gehalten wurde und der auf diese Weise seinen Weg in der Presse gemacht hat.

(Wir bemerken dem gegenüber ausdrücklich, daß, wie eingangs angedeutet, unsere Briefe aus den europäischen Hauptstädten alle echt sind.)

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    Katalognummer BW-AK-015-3442