Original

13. Mai 1927

Wenn Sie und ich morgen Gelegenheit hätten, nach Amsterdam oder London oder auch nur nach Metz zu fliegen, würden Sie und ich unser Testament machen. Wir würden uns insgeheim mit dem Gedanlen an einen plötzlichen Tod vertraut machen und stillschweigend Abschied nehmen. Wir würden uns erkundigen, was man auf so einer Luftfahrt anzieht, welchen physiologischen Nebenerscheinungen man ausgesetzt sein könnte, ob es geraten ist, ein Fläschchen Quetsch oder Kognak, vielleicht eine Dose Kaviar mitzunehmen. Wir würden sicher auch einen Kompaß, eine Partie Heftpflaster, ein deutsch-holländisches oder deutsch-englisches Wörterbuch, einen Ersatz-Anzug, einen Paß, frische Wäsche und eine entsprechende Summe Geldes mitführen.

Nungesser und Coli haben sich ohne derartige weitsichtige Vorkehrungen auf den Flug nach New York begeben. Sie hatten sich anscheinend längst an den Gedanken gewohnt, daß für sie die Welt nicht größer war, als für uns der Kanton Luxemburg-Land. Sie dachten an den Flug nach New York, wie wir an einen Bummel nach Hesperingen oder Walferdingen. So sicher, wie wir in unserm Falle sind, daß wir ohne Zwischenfall ans Ziel kommen und ein Schinkenbrot vorfinden werden, so sicher waren sie, daß sie nach höchstens sechsunddreißig Stunden in New York bei einem opulenten Empfangsbankett sitzen und ihren dortigen Freunden aus den mitgebrachten. Kognakflaschen zu trinken geben würden. Sie sollen an etwas wie Verproviantierung nicht gedacht haben. In den Pariser Zeitungen werden über ihre Ausrüstung Einzelheiten mitgeteilt, die unglaublich klingen.

Wäre die Meldung von ihrem Eintreffen in New York keine Falschmeldung gewesen, so hätte man über diese Unbesorgtheit gelacht und sie auf das Konto der unbeirrbaren Zuversicht der Flieger gebracht. Heute gewinnt sie tragische Bedeutung.

Die zivilisierte Welt ist in berechtigter Aufregung über das Schicksal der Übersee-Flieger. Die Aufregung ist um so viel stärker, als vor Zeiten über den Verbleib Nansen’s und André’s, als sie sich in eine kürzere Zeitspanne zusammendrängt. Und alle wünschen glühend und erwarten zaghaft, daß sich im Falle Nungesser und Coli das Schicksal Nansen’s, nicht André’s wiederholen möge. Und alle denken an die weißhaarige, mutige Greisin in Paris, deren Sohn ohne Abschied mit einem Scherzwort von ihr ging, als er Großes vorhatte, denn er wollte seiner Mutter die Aufregung ersparen.

Das sind alles kolossale Wirklichkeiten. Aber sicher haben schon Dichterhirne diesen rotglühenden Rohstoff in Gedanken zu einem Roman verarbeitet, den ohne solche lebende Vorlage ihre Phantasie nie so ungeheuer prometheisch, so wahnsinnig eruptio hätte aushecken können.

Denkt Euch einen schalkhaften Jungenstreich, eine harmlose Mystifizierung zu gigantischen Verhältnissen ausgereckt, so wie die Bewegung unserer Hände, das Kriechen eines Wurmes sich in der Maschinerie eines Walzwerks in riesiger Vergrößerung wiederholt. Stellt Euch die Möglichkeit vor, daß zwei hemmungslose Temperamente auf den Einfall kämen, die Welt in Aufregung zu bringen mit einem Unternehmen von epochaler Bedeutung, und daß sie es in eine „Zwanze“ von mondialem Umfang auslaufen ließen: Wie sie lachend übers Meer, über die Meere flögen, auf einsamen Inseln landeten, Abenteuer von nie gekannter Ungeheuerlichkeit beständen, - wie sie welt. ihr Ziel überflögen, auf den Fidschi-Inseln in ein traumhaftes Idyll versänken, - wie sie dann eines Tages wieder explosionsartig in die Erscheinung träten, - alles mit der Würze außerordentlichen Liebeserlebens u. s. w. u. s. w.

Ach, und während sich die Dichter das Epos der Zeit ausmalen, treibt vielleicht irgendwo auf dem Atlantischen Ozean eine leere, verkorkte Flasche, in der ein Zettel steckt mit den paar Worten: Adieu maman!

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    Katalognummer BW-AK-015-3441