Original

17. Mai 1927

Vorgestern, Sonntag, 15. Mai, wurde in Bad Mondorf die Saison eröffnet.

Leute, die dort waren, erzählen, sie hätten den Eindruck gehabt, als ob am Sonntag das Bad Mondorf überhaupt erst eröffnet worden wäre, so überraschend neu, von eben geborenem Glanz sei alles gewesen, die Musikkapelle, die Anlagen um den Parkeingang, die Lokale und Hotels, und das Badehaus.

Der Charly, sagten sie, bemühe sich erfolgreich, dem Mondorfer Wasser Konkurrenz zu machen. Wer den Vieruhrzug nimmt, um in der Pergola dem Konzert zu lauschen, sitzt kaum, so muß er schon wieder laufen. Denn seinen Abendzug fährt der Charly erst später, wenn er sicher ist, daß es lohnt.

In Bad Mondorf wird heuer ein Jubiläum gefeiert, der fünfundsiebzigste Jahrestag der Vollendung des Hotels „Grand-Chef“. Die Namen Mondorf und Grand-Chef gehören zusammen, wie Baum und Blüte. Sie sind ineinander verwachsen, sind sich gegenseitig schuldig und dankbar.

Fünfindsiebzig Jahre Hotel! Welche Erinnerungen knüpfen sich an das Haus, was könnten seine Wände erzählen, von der Zeit an, wo sie „drüb der Bach“ im Französischen zollfreien Burgunder kneipten, in dem Pavillönchen, das nach einer Extratour von einem halben Jahrhundert wieder französisch geworden ist, wo sie mit Sechsspännern vorfuhren, bis zu den Tagen, wo die Luxusautos um die Ecke hereinsingen und schütternd vor dem Portal halten, von der Zeit, wo die seltenen. Bäume des Hotelparks, mit denen der Herrensitze von Preisch. Schrassig, Grevels gepflanzt, noch kaum mannshoch waren, bis heute, wo der Park als Arboretum eine Sehenswürdigkeit des Landes geworden ist.

Die Chronik berichtet, daß das Hotel du Grand-Chef seinen Namen nach den Gebelnen eines fränkischen Heerführers erhielt, die in den Fundamenten aufgedeckt wurden. Mit dem gotisch angehauchten Plan zu dem Hause verdiente der spätere Staatsarchitekt Charles Arendt seine Sporen; er war grade von der Münchener Kunstakademie zurückgekommen, wo er Schüler des berühmten Professors Lange gewesen war.

Den Bau führte der Unternehmer Etienne Schleck aus, der grade auch das erste Badehaus mit Kurhaus vollendet hatte. Die Bauaufsicht und die technischen Einzelheiten waren Herrn Ingenieur Hartmann übertragen.

Der Bauherr war bekanntlich Herr Hyppolit Trotyanne- de Mairesse (1823-1898) von Schloß Richemont a. d. Mosel, Sproß einer altlothringischen Hüttenherrenfamilie, dessen Einfluß dem ersten Kapitel der Mondorfer Geschichte auch den lothringer Einschlag gab. Lothringisch sind an dem Bau weiterhin der Haustein von Neufchef und die farbigen Scheibensenster des damals hoch geschätzten Metzer MeisterMarchall Später kam aus der Heimat Trotnanne’s Dr. Marchall als Badearzt während der Saison herüber, und daß dann der unvergeßliche Dr. Klein nach Bad Mondorf berusen wurde, geschah durch, die Fühlung, die er 1870 in Metz mit den lothringer Patriziern, namentlich den de Wendel gewonnen hatte.

Man erzählt, daß ein halbes Dutzend Pachthöse im Meher Land in dem Unternehmen drausgingen, das 1852 an die 300 000 Goldfranken verschlungen hatte.

Dafür durste der Bauherr sich dem Bewußtsein hingeben, daß er ein Werk von bleibendem Wert für das Bad geschaffen hatte, und er durfte stolz und bescheiden zugleich in den Schlußstein des Portals neben der Jahreszahl seine Initialen H. T. einmeißeln lassen.

Die alte Halle des „Kind-Brunnens - so genannt nach dem Erbohrer - und der „Grand-Chef“ sind die einzigen Gebäulichkeiten, die von Ur-Mondorf übrig geblieben sind, nachdem das Hotel de l’Europe, das älteste von allen, dem neuen Badehaus Platz gemacht hat.

Dem heutigen Besitzer des „Grand-Chef“ ist dafür zu danken, daß er bei der jüngsten, durchgreifenden Modernisierung des Hauses an dem Charakter des ehrwürdigen, aber soliden und immer noch repräsentativen Zeugen von Mondorfs Vergangenheit nichts geändert hat, sodaß sich die ältesten Gäste darin und davor und dahinter immer noch so heimisch fühlen, wie von jeher.

Und recht zur guten Stunde erscheint grade zum 15. Mai im Bäderblatt der „Frankfurter Zeitung“ über Luxemburg Stadt und Land ein Aufsatz- in dem Folgendes zu lesen ist: „Einer seiner schönsten Punkte ist das Staatsbad Mondorf. Es liegt in einer Mulde, deren zarte Schwellung die Hügel hinan ihm einen Charme verleiht, der intim ist und in der Nüance berauschend. Sein Park vereinigt die Möglichkeiten familiärer Spaziergänge mit der verschwiegenen Heiterkeit erster erotischer Erlebnisse. Ich lernte hier einen Hotelbesitzer kennen, der die Liberalität des 18. Jahrhunderts angenehm dosiert zwischen seine Gespräche mischt. Sein Haus ist ein kleines HeimatMuseum, seine Küche von internationalem Geschmack. Er studiert mit deutscher Gründlichkeit die Römerfunde seines Landstrichs und pflegt seine Tafel nach französischem Goût. In seinem Hause lernte ich einen Großneffen Balzacs kennen.“

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    Katalognummer BW-AK-015-3444