Original

18. Mai 1927

Langsam versinken für die breite Öffentlichkeit die Namen der Verschollenen im Strom der nachdrängenden Interessen.

Die ihnen näher, am nächsten standen, klammern sich an die Hoffnung, daß das Wunder geschehe.

Die andern grübeln an der Frage, wie es kommen konnte, daß die Triumphnachricht über den Erdkreis verbreitet wurde. Wo, in welchem Hirn sprang zuerst der Gedanke auf, daß man jetzt rundfunken müsse, der Ozeanflug sei glücklich vollendet?

Die wahnsinnigsten Gerüchte entstanden, es sammelte sich Verdacht an, der Zündstoff zu einem casus belli zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten enthielt.

Wer die echte Reporterpsyche kennt, macht sich über den Fall seine eigenen Gedanken. Es wäre nicht zum ersten Mal, daß einer mit Probabilitätsberechnungen operiert und den Ereignissen vorgegriffen hätte, um in jedem Fall der erste zu sein. Die mühselige und gefährliche Berichterstattung à la Archibald Forbes, der Tagereisen ritt, um seinem Blatt als erster die Nachricht von einer gewonnenen Schlacht zu übermitteln, ist nicht jedermanns Sache, und mancher Kollege hält es für bequemer, seine Berichte „als Augenzeuge“ hinterm Schreibtisch zu verfassen und lieber seine Phantasie, als seine Muskeln u. Nerven anzustrengen.

Ich kannte vor Jahren in Brüssel einen Zeitungskorrespondenten, der es als Ruhmestat anführte, daß er seinerzeit beim Tode des Königs Wilhelm III. von Holland als erster die Trauerkunde an seine Zeitungen gedrahtet hatte. Bei einer davon war sein Telegramm um 14 Minuten vor sechs Uhr morgens, am 2 November 1890 eingetroffen, der Tod des Königs war genau um Viertel vor sechs erfolgt.

„Merkwürdig,“ sagte der Herr Kollege. „Statt meine Fixigkeit anzuerkennen, schrieb mir die Zeitung, sie verzichte fürderhin auf meine Dienste.“

Das warum? ergab sich dann aus seinen weiteren Ausführungen.

„Wieso es kam, daß ich mit der Todesnachricht als erster auf dem Plan war? Sehr einfach. Ich saß abends mit einem befreundeten Arzt beim Bier in den Trois Suisses. Es wurde spät, sehr spät. So gegen zwei Uhr wurde an den Tischen herumerzählt, dem König ginge es sehr schlecht. Jemand hatte ein Telegramm gesehen, wonach abends Anzeichen von Urämie aufgetreten waren. „Dann ist Schluß,“ hatte der Doktor gesagt. Und er erklärte mir: Urämie ist Eindringen des Harnes ins Blut. Wenn einer sehr stark ist, kann er es - na, sagen wir mal noch drei Stunden aushalten. - So, sagte ich, also jetzt ist zwei Uhr. In drei Stunden ist es fünf. Wenn ich eine halbe Stunde zugebe, kann ich um halb sechs telegraphieren, Seine Majestät der König von Holland sei soeben verschieden. - Unbedingt! sagte der Doktor. Es müßte ein Wunder geschehen. - Ich glaube nicht an Wunder, sagte ich. - Von Schlafengehen ging keine Rede. Um halb sechs begab ich mich zur Post und gab meine Telegramme auf. Der Beamte am Schalter maß mich mit einem prüfenden und erstaunten Blick, ich legitimierte mich, und er sagte: Na, meinetwegen.

Als meine Depeschen längst fortwaren, spielte der Telegraph vom Haag aus. Ich triumphierte. Leider nicht lange. Denn die Zeitung, die mein Telegramm zuerst bekommen hatte, schrieb mir, wie gesagt, einen sehr höflichen Brief, in dem sie mir mitteilte, sie habe schon früher an meiner Zuverlässigkeit gezweifelt, jetzt habe sie den Beweis, daß ich den Tod des Königs aufs Geratewohl gemeldet hätte, und sie reflektiere nicht weiter auf meine Mitarbeit. Na, ich war um Ersatz nicht verlegen. Aber ich werde künftig in einem ähnlichen Fall lieber doch eine ganze Stunde zulegen.“

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    Katalognummer BW-AK-015-3445