Original

29. Mai 1927

Wenn Sie einmal Montags in der Zeitung lesen, daß auf einer abschüssigen Pyrenäenstraße eine Baronin mit drei Begleitern und einem Chauffeur im Automobil tödlich verunglückt ist, so regen Sie sich darüber weiter nicht auf. Bis zu den Pyrenäen ist es ein ganzes Stück Weges, Sie können sich weder die Unfallstelle noch die Baronin noch ihre Begleiter vorstellen, ihr Verschwinden reißt keine Lücke in Ihr Dasein, kurzum, es tut Ihnen um sie nicht leid. Sie sagen höchstens: Schon wieder einer!

Trifft aber der Schlag, der bei einem Unfall Menschenleben vernichtet, in Ihren Kreis, reißt er daraus einen, der Ihnen bekannt und lieb war, gewaltsam in den Orkus, so zittert die Bewegung in Ihren Nerven und das Mitleid in Ihrem Herzen nach, und was eine Sache der Information war, wird Ihnen ein blutwarmes und ergreifendes Menschenschicksal.

Wir haben es im Hause der „Luxemburger Zeitung“ die letzten Tage erlebt.

Einer aus unserer Arbeitsfamilie ist brutal, unbegreiflich, durch ein stumpfsinniges Geschick plötzlich aus dem Mai des Jahres und des Lebens fortgerissen.

Der Tony! Seit er aus der Schule entlassen war, waren seine Werktage unserm Arbeitskreis eingeschaltet. Ich sehe ihn noch, wie er als Laufbursche einem die Briefschaften auf den Tisch legte. Er hatte den freien, freundlichen Blick des unverdorbenen Knaben, er lächelte, als bäte er um Verzeihung, daß er einem wieder Arbeit brachte, und war durch jeden freundlichen Blick ermuntert.

Er wurde Lehrling und ein vortrefflicher Arbeiter. Er blieb immer der gute Junge, der er als Knabe gewesen war. Groß, schlank, blondhaarig, still, in den Mundwinkeln die Gütigkeitsfältchen, die ihm alle Herzen gewannen.

Am Himmelfahrtstag ging er mit Kameraden wandern. Himmelfahrtswanderung! Junger Wald, weiße Straßen, blumenbesternte Wiesen, die Herzen selber wie Blumen, die in der Sonne sich auftun. So ziehen sie die Straße dahin, der Tony die Mundharmonika an den Lippen. Vielleicht spielte er: Muß i denn, muß i denn - - oder: Ich hatt’ einen Kameraden - - oder: Studio auf einer Reis’, jupheidi, jupheida - - ein Stoß, die Welt mit Sonne und blauem Himmel und weißen Wolken und grünen Wiesen und Äckern und Wäldern birst krachend auseinander in schwarze, blutige Klumpen und wahnsinnige Blitze - und alles versinkt, und es ist Nacht in den Augen, die vor zwei Sekunden noch die Welt zu trinken meinten - und in Staub und Blut liegt der Tony auf der Straße, in den Tod geschleift durch das Rad eines Automobils.

Mußte das sein! Gibt es kein Mittel, wenigstens diese Totschläge zu verhüten, die auf offener Landstraße vor sich gehen, wo Platz für alle sein müßte! Ach ja, der Mann am Steuerrad gewöhnt sich daran, daß bei seinem Herannahen alles seitwärts flieht, selbst wenn er nicht huppt. Er läßt sich ungebremst schießen, sicher, daß in der nächsten Sekunde dort vorne die drei Männer, die so fröhlich auf der Straße marschieren, auseinanderstieben werden, und daß er seiner Bremse die Beanspruchung nicht zuzumuten braucht. Aber der eine da vorn hört kein Signal, er ist im Reich der Töne ... Städtle hinaus, Städtle hinaus und du mein Schatz bleibst hier ....

Es braucht ja niemand eine Schuld zu treffen, es kann sein, daß ein tückisches Geschick ganz allein hämisch grinsend den Abgrund aufgetan hat, in dem ein Leben und viel Glück binnen Sekundenfrist versunken sind. Aber immer wieder richtet sich vor den wund gescheuerten Gedanken die quälende Frage auf: „Mußte es sein?“

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    Katalognummer BW-AK-015-3454