Original

28. Mai 1927

Das Wesentlichste ist immer, daß sich die Völker kennen, um sich zu verstehen und um sich zu vertragen.

Die Völker reden zu einander durch ihre Presse. Aber sie reden auch über einander, auch durch ihre Presse, und was sie so reden, ist nicht immer geeignet, zum gegenseitigen Verstehen und zum Wissen umeinander beizutragen.

Darum ist es wichtig, daß vor allen andern die Presse in die Lage versetzt wird, das, was sie verbreitet, aus den reinsten Quellen zu schöpfen.

Vor einigen Jahren hatten wir hier den Kongreß der belgischen Journalisten zu Gast. Es geschah von den Luxemburger Behörden, Vereinen, Geschäftsfirmen und Kollegen alles, was geeignet war, die Gäfte über luxemburger Verhältnisse wahrheitgemäß zu orientieren.

Sie reden noch heute von dem herzlichen und gastfreundlichen Empfang, den sie damals im ganzen Lande gefunden haben:

Heute treffen vom Rheinisch-Westfälischen Presseverband die Mitglieder der Bezirksgruppe Trier und mehrere Herren des Verbandsvorstandes ein, darunter Redakteure der führenden Blätter von Köln, Düsseldorf, Elberfeld, Crefeld, Coblenz, Saarbrücken und Trier.

Sie erwidern einen Besuch, den auf Einladung der Trierer Bezirksgruppe der Luxemburger Journalistenverein im vergangenen November den Trierer Kollegen auf deren Einladung abgestattet hatte.

Die Bedeutung dieses Tages kann für Luxemburg nicht leicht überschätzt werden, und es ist zu wünschen, daß an diese beiden Besuche berufener Pressevertreter aus zwei Nachbarländern sich weitere anschließen werden.

Sie werden ermöglicht und jedenfalls erleichtert durch den endlich erfolgten Zusammenschluß der luxemburger Journalisten zu einem Verein, der sich zur Aufgabe gemacht hat, die Interessen seiner Mitglieder zu vertreten und zwischen den Angehörigen des Berufs Beziehungen herzustellen, bei denen im Gegensatz zu früher auch einmal das Einigende, nicht nur das Trennende betont ist. Seit seinem Bestehen herrscht im Schoß des Vereins das beste Einvernehmen, und seine Mitglieder haben die Genugtuung, daß anläßlich des Besuches ihrer fremden Gäste sowohl die Regierung wie die Stadtverwaltung durch Beteiligung an den Veranstaltungen zum Empfang die Bedeutung des jungen Vereins ehrend anerkannt haben.

Wir brauchen hier in Luxemburg das Wohlwollen der auswärtigen Presse in manchem Betracht. Es ist nicht zu leugnen, daß die Stellungnahme des Auslandes und seiner öffentlichen Machtfaktoren zu uns zu einem guten Teil durch die öffentliche Meinung bestimmt wird, die ihrerseits ein Produkt der Presse ist.

Wir verlangen kein Wohlwollen, das wir nicht verdienen. Wir haben den Stolz, daß wir uns damit begnügen, wenn über uns die Wahrheit gesagt wird. Aber um die Wahrheit sagen zu können, muß man sie kennen und man muß sie aufrichtig sagen wollen.

Die Gründung des Luxemburger Journalistenvereins hat es möglich gemacht, daß öfter und ausgiebiger mit Angehörigen der fremden Presse Fühlung genommen werden kann, daß diese Fühlungnahme nicht mehr eine Sache Einzelner ist und sich unter vier Augen abspielt, sondern daß sie von der Öffentlichkeit kontrolliert werden kann. Wie oft gelang es einem Unberufenen, aus einer verborgenen Ecke heraus Tartarennachrichten über Luxemburg in die auswärtige Presse zu lancieren! Wir dürfen hoffen, daß diesen Praktiken endgültig das Wasser abgegraben ist, und daß Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit die Richtlinien bleiben werden, nach denen das Ausland über uns unterrichtet wird.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-015-3453