Original

1. Juni 1927

Es war eine Zangengeburt, dieser Escher Tram, aber das Kind ist da, es lebt, es läuft schon allein, und es wird wachsen und gedeihen, dafür werden die Escher - im weitesten Umkreis verstanden - schon sorgen.

Herr Bürgermeister Wilhelm sagte in seiner Rede, der Escher Tram werde u. a. auch bis Luxemburg ausgebaut werden.

Da liegt eine Quelle künftiger Konflikte. Wir in Luxemburg nämlich sprechen immer davon, daß wir unsern Tram bis Esch weiterbauen wollen, nun wollen die Escher den Weiterbau in umgekehrter Richtung bewerlstektigen. Und es fragt sich: Wer wird der Nungesser, wer der Lindbergh sein?

Es läßt sich allerdings auch die freundnachbarliche Lösung finden, daß wir von hier und die andern von Esch aus zu bauen anfangen, und daß wir in der Mitte zusammenkommen werden, ganz wie sich Kellermann den Ban des Tunnels zwischen Europa und Amerika zusammenphantasiert hat.

Jedenfalls ist der neue Escher Tram keine rein Escher Angelegenheit.

Seit die Arbed-Zentrale in Luxemburg erstanden ist, spannt sich zwischen hier und Esch eine Brücke von Beziehungen, die ein beständiges Hin und Her bedingen. Daß eines Tages über diese Brücke eine Elektrische gebaut wird, ist ein Axiom. Wie lange es noch dauert, ist eine Frage von Einsicht und Energie ber den - sagen wir mal zuständigen Stellen.

Wir haben in Luxemburg Trambahnen nach der Peripherie der Stadt in den vier Himmelsrichtungen gebaut. Nicht des schöden Verdienens halber, sondern um zu dezentralisieren, um dem Wohnungsbedürfnis neue Ausdehnungsmöglichkeiten zu eröffnen. Die Interessen der Verkehrs- und der Wohnungspolitik decken sich nicht immer. Auf der Beggener Straße zum Beispiel kommt die Elektrische dem Verkehrsbedürfnis entgegen, aber man könnte sich für Landwohnungen andere Annehmlichkeiten denken, als die einer immerwährenden Staubwolke mit obligaten Benzindüften.

Vor all diesen Wegen in die Freiheit: nach Merl, Neudorf, Walferdingen, Hollerich, hätte die Verbindung Luxemburg-Esch das voraus, daß sie sich nicht in einseitiger Richtung, sackgassenähnlich vollzöge, sondern dem Ausdehnungsbedürfnis der zwei größten Zentren des Landes einen Weg wiese wie zwischen zwei Gefäßen, deren Inhalte zueinander und ins Gleichgewicht streben.

Und für das Wohnungsbedürfnis der nächsten fünfzig Jahre wiese dieser Weg in wirkliche, grüne, waldfrische Freiheit. Allerdings nur, wenn rechtzeitig wiederum von den zuständigen Stellen eine weitschauende Terrainpolitik mit einer zielsichern Bauordnung ins Auge gefaßt wird.

Wir haben es leider erlebt, daß das denkbar wundervollste Baugelände um die Stadt, das sanft nach Süden abfallende Limpertsberger Plateau, in seiner Bebauung zumeist der Bodenspekulation und dem Ungeschmack ausgeliefert war. Dort war der ideale Raum für eine Gartenstadt im wahrsten Sinn des Wortes, dort konnte jedes Haus „das Haus in der Sonne“ sein, wenn man nur wollte. Man wollte anscheinend nicht. Man fand nicht den Mut, die geschlossene Bauweise zu verpönen, die Spekulation dadurch zu unterbinden, daß von jedem Grundstück nur ein bestimmter Bruchteil zur Bebauung freigegeben worden wäre.

Wenn einmal die Trambahn über die Gaspericher Höhe und durch den Leudelinger Wald oder über Kockelscheuer fährt, dann wird sie hoffentlich an langen Reihen hübscher Villen, großer und kleiner, ganz großer und ganz kleiner vorbeifahren, die im Waldesgrün oder in Fliederbüschen und Kletterrosen versteckt liegen, so weit von der Straße, daß sie der Staub nicht belästigt, und so nahe, daß das Leben aus ihnen einmündet in die Lebenspulse, die dort vorbeischlagen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3456