Zu jener Zeit - in illo tempore - ritt ein Mann von Grevensur nach Langmacher.
Er ritt bedächtig, Schritt vor Schritt. Auf dem Rücken seines Gauls lag kein hoffärtiger Sattel. Es lag darauf eine Decke, die einst mit amerikanischem Kriegsvolk übers Meer gekommen war.
Der Mann überließ sich willig den Bewegungen nach vorn und hinten, nach oben und unten, die sich vom Rücken seines Gauls durch seinen Körper fortsetzten.
Seine Beine schlenkerten an den Flanken des Rosses herunter, seine Hosenbeine hatten sich hinaufgeschoben und zwischen ihrem untern und dem obern Rand der grauwollenen Socken, die die alte Tante des Mannes von Grevensur ihm gestrickt hatte, sah man ein Stück seiner behaarten Schienbeine.
Von Zeit zu Zeit tätschelte er zärtlich den Bug seines Pferdes und redete ihm zu: „Arms Luderchen, was haben sie dir denn wieder zu fressen gegeben, daß du es so im Gedärm hast! Geduld, bald sind wir beim Doltor, der wird dir ein Tränklein verschreiben, davon wirst du gleich wieder wohl und munter sein und wirst hüpfen, als ob du wieder ein junges Füllen wärest.“
Der Gaul schüttelte den Kopf, wieherte schwach und trabte weiter.
Also kamen sie, vor des Dakters Haus und er erkannte bald, was dem guten Piro fehlte. Der Mann aus Grevensur ließ sich in der Apotheke die verschriebene Mixtur anfertigen, der Piro bekam den Flaschenhals zwischen die Zähne gepreßt und er schluckte wohl oder übel den Inhalt, der ihm zum Heil gereichte.
Nachdem der Mann aus Grevensur so seine Pflicht gegen sein Pferd erfüllt hatte, dachte er an sich.
Zu jener Zeit herrschte im Geld die Krankheit, die sie Valuta nennen. Dadurch wächst das eine Geld auf das Acht- und Neunfache, das andere bleibt im Wachstum derart zurück, daß es kaum noch ein Achtel oder Neuntel seiner normalen Größe erreicht.
Der Mann von Grevensur kam aus dem Land des überlebensgroßen Geldes, und er wünschte sich Glück dazu, denn auch sein Durst war überlebensgroß.
Er stillte ihn mit derselben Zärtlichkeit, mit der er seinem Piro den Bug getätschelt und ihm die Arznei eingeschüttet hatte.
Als er fand, daß es genug sei, kletterte er wieder auf den Rücken seines Gauls und gab ihm die Richtung auf den heimatlichen Stall.
Piro trabte gemächlich seine Straße dahin, und der Mann auf seinem Rücken hing seinen Gedanken nach.
Es waren ziemlich verworrene Gedanken. Sie wurden immer verworrener, sie verfilzten sich derart, daß der Mann sich darin nicht mehr auskannte und sie fahren ließ, fahren ins Nirwana eines gesunden, tiefen Alkoholschlummers.
Als er grade geträumt hatte, unter seinem Bett sei eine Bombe mit Pikrinsäure geplatzt, fühlte er an seiner Nase die Berührung einer kalten, feuchten, weichen Fläche, und die ganze Erde mit Bäumen, Gräsern, Mauern, Weinbergpfählen, Hügeln und Kirchtürmen stand so merkwürdig über ihm gen Himmel. Und ein paar Menschen müssen dabei gestanden haben, die sagten: „Der hat sein Fett!“ Dazu wieherte Piro. als wollte er sagen, was nun getan werden müßte.
Sie schafsten den Mann nach Langmacher zurück und liefen nach einem Arzt.
Alle Ärzte waren über Land, in Ausübung ihres Berufs. Der eine „setzte die Pocken“, der andre war geburtsbehilflich tätig, ein andrer flickte irgendwo ein gebrochenes Bein und der vierte interpellierte in der Kammer über die Not der Winzer und die Heimtücke der Rebschädlinge.
Der Mann aus Grevensur hörte immer wieder, daß kein Arzt zu finden sei.
Da rieb er sich den wunden Schädel und sagte: „Ei, so ruft mir den Viehdokter. Er hat meinem Piro so prächtig geholfen, also wird er es auch mit mir richtig anzupacken wissen.“
Sie taten nach seinem Wunsch.
Der Rest der Geschichte darf nicht erzählt werden, von wegen des Gesetzes über unbefugte Ausübung der Heilkunst.