Original

19. Juni 1927

Man sprach über Echternach, über seine Basilika, über seine schöne alte Pfarrkirche, über den guten Henry Schintgen, über die Sptingprozession, daß es in Prüm bis ins sechzehnte Jahrhundert auch eine Springprozession gegeben hatte, daß deshalb noch bis auf den heutigen Tag die Eifeler die treuesten Kunden des hl. Willibrord geblieben sind u. s. w. u. s. w.

Ich dachte daran, wie ich zum ersten Mal die Springprozession sah. Mit Jacquemin’s Thidor stand ich an einem offenen Fenster des alten Fichtel’schen Hauses, und wir konnten die Prozession von der Brücke her auf uns zukommen und um die Ecke links weiterwogen sehen. Wenn wir des Zuschauens müde waren, studierten wir im Zimmer eine Münzsammlung, die unter Glas hinter uns an der Wand stand. Jahre lang wurde ich die peinliche Erinnerung an einen erschütternden Anblick nicht los. Zwei Eifeler Bauern, anscheinend Vater und Sohn, führten zwischen sich ein hübsches, rotwangiges junges Mädchen mit dicken braunen Zöpfen. Wir bemerkten an ihr nichts Anormales. Auf einmal wurden ihre Blicke starr, ihre Begleiter faßten sie fester an den Armen, im nächsten Augenblick warf sie sich nach vorne, daß ihr die Zöpfe über den Kopf flogen, dann gewaltsam zurück, der ganze Körper zuckte und sprang, wie von einem bösen Geist gerüttelt und geworfen, sodaß die zwei Mannsleute alle Mühe hatten, sie festzuhalten.

Der Anfall dauerte etwa eine Minute, dann hing das arme Wesen schlaff und erschöpft in den Armen ihrer Verwandten, mitleidige Leute kamen mit frischem Wasser, um ihr Wangen und Lippen zu kühlen. Die alte Tanzweise, deren lustiger Rhythmus und hüpfende Noten zu dem mitleiderregenden Anblick einen nahezu perversen Kontrast bildeten, ging weiter, unbarmherzig weiter, und wie von ihr zu weiterer Grausamkeit gestachelt trieb der böse Geist die Ärmste bald wieder zu neuen Verrenkungen an.

Unweit hinter dieser tragischen Gruppe ging eine Musik. Sie bestand alles in allem aus einer Geige und einer dicken Trommel. Adam hatte sieben Söhne ... fistelte die Geige - A ... sie ... sie ... Sö .. A ... klopfte die dicke Trommel dazu den Takt ....

„Wie ich hörte,“ sagte da jemand aus der Gesellschaft, „hat der Herr Dechant von Echternach eine Neuerung bei der Springprozession eingeführt. Es soll nicht mehr getanzt werden, wie bisher: drei Schritte vorwärts, einen zurück, sondern einfach gehüpft, so von einem Bein aufs andere - die fünf Bewegungen werden in zwei aufgelöst.“

„Ja,“ sagte ein anderer, „und die Tanzweise soll auch modernisiert werden. Es scheint da etwas Ähnliches geplant zu sein, wie es mit dem Choralgesang durchgeführt wurde, die neue Weise soll sich zu der alten verhalten, etwa wie das heutige Lauda Sion und Pange lingua und Te Deum zu denen, die vor fünfzig Jahren in den Kirchen gesungen wurden.“

Ich sah die Sprecher an. Sie machten durchaus nicht den Eindruck von Leuten, die uns mystifizieren wollten. Sie beteuerten mit allen Zeichen eines tiefen moralischen Ernstes, daß es sich wirklich so verhalte.

Ich glaubte ihnen trotzdem nicht.

Wenn einer ein kostbares altes Möbel aus dem Mittelalter geerbt hat, so wäre er ein Vandale, wenn er es zum Tischler schickte, um es stilgerecht oder vermeintlich stilgerecht modernisieren, oder für einen bequemeren Gebrauch auf Kosten seiner Echtheit herrichten zu lassen. Weise und Schritt der Echternacher Springprozession sind kein Gebrauchsgegenstand, sondern ein kostbares Kulturüberbleibsel, dessen höchster Wert eben in dem besteht, was daran am ältesten ist, geheiligt durch die Tradition. Sobald das angetastet würde, bestünde kein Grund, den alten Tanzschritt vom Echternacher Pfingstdienstag nicht durch einen Charleston zu ersetzen.

Es wird also doch wohl ein schlechter Scherz gewesen sein.

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    Katalognummer BW-AK-015-3471