Es gibt wohl kaum eine Stadt, die es an wehmütiger Poesie der Sonntagsgeräusche Luxemburg gleich tun könnte.
Denn es gibt kaum eine, in der aus diesen Sonntagsgeräuschen durch die vielfachen Entfernungen die Plastik der Unmittelbarkeit so weich hinausretouchiert, die ausgelassene Lebhaftigkeit so zu Unendlichkeitssphärenmusik herabgedämpft wäre, wie hier.
Ich meine natürlich nicht das Straßengewirr der Altstadt, sondern das Siedlungsband, das an Stelle des Festungsgürtels getreten ist, die neuen Viertel da draußen, in denen zwischen Straßenzügen noch Wiesengründe und baumgrüne Gartenflächen liegen. Zwischen ihnen und dem Stadtkern weiten die zwei breiten Einschnitte des Parks und des Petrußtales das Stadtgebiet in einer befreienden Geste auseinander.
So sind Entfernungen geschaffen, durch die hindurch sich für Auge und Ohr die Härten der Unmittelbarkeit abschleifen und über die hinweg die Geräusche veredelt sich schwingen, die sonst an den Straßenecken sterben oder häßlich auseinander brechen.
Ich denke an die Sonntagnachmittage der Pennälerzeit, die wir im Studiensaal verträumten oder in verbotenen Büchern heimlich verlasen.
Vom Petrußtal her, wo die „Schieß“ ihre Stände hatte, knallten weich die Büchsen und weckten noch weicheren Widerhall. Das kam, ach! so weit her, weiter, als übers Meer, aus einem Leben, das uns dunkle Fremde und glanzvolle Verheißung zugleich war. Die ganze verlassene Einsamkeit, Wehmut, Sehnsucht, Verträumtheit, Nutzlosigkeit so eines eingeschlossenen Pennälersonntagsnachmittags war in diesem gedämpften Büchsenknall noch Jahrzehnte lang für die Erinnerung eingeschlossen. Und manchmal kamen abends, ebenso weich verwischt, stoßweise, die abgerissenen Stücke einer Tanzweise geflattert. Es mußte wieder Werktag werden mit der scharfen Luft, mit den Pflichten und dem bestimmten, unnachsichtigen Tagewerk, mit den Werktagsgeräuschen, die von Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit, von Wollen und Müssen klangen, damit die Verträumtheit aus Herz und Hirn hinausgeblasen wurde.
Und heute: Einen Sonntag lang bannt dich der Beruf an den Arbeitstisch. Durch den Baum vorm Fenster scheint die Sonne und rauscht der Wind. Die Blätterschatten tanzen ausgelassen auf dem Papier, um die Spitze der Füllfeder. Aus der Ferne kommt das stilisierte Kuhgebrüll der Autohuppen, im Näherkommen schnarchen, singen, grunzen die Motore wie vergnügte oder zornige Märchentiere, und dann weht der Wind ein paar Musiktakte herüber - Blechmusik, von einem Umzug, einer Prozession, einem Ständchen, was weißt du - die Musik mag noch so blechern sein, sie ist durch die Entfernung geadelt, sie klingt dir, als sei in den drehenden Erdball vom Schöpfer eine Musikdose eingebaut, deren Weisen so leise, zart, gedämpft durch den Sonntagnachmittag ziehen, daß du nicht umhin kannst, dich in Unendlichkeitsgedanken und Ewigkeitssehnsüchte zu verlieren.
Ach ja, dieser ferne Sonntagsnachmittagsmusikzauber! Was steckt eigentlich dahinter? Vierzig Mann, die in Reihen im Takt hintereinander schreiten und in gekrümmte Kupfer- und Nickelblechröhren blasen, und ein Mann, der durch aufgeschriebene Noten dafür gesorgt hat, daß daraus ein Marsch wird. Sie schwitzen, ihre Backen sind komisch aufgeblasen, ihre Augen treten dick hervor, teils vor Anstrengung, teils aus Angst davor, daß sie falsch blasen möchten oder daß sie aus dem Tritt kämen. Und in deinen Ohren wird diese eckige Materialität zu eitel Poesie, zu Sphärenmusik und ewigkeitssehnsüchtiger Wehmut. Wie die Alpen, die aus sechzig Kilometer Entfernung weiche Watte und in der Nähe Schroffen, Schlünde, Kälte und Tod sind.
Wie recht hat der Weise, der sich das Leben möglichst weit vom Leibe hält.
Und wie unrecht manchmal!