Original

16. Juli 1927

Wie sollten wir nicht von dir singen und sagen, süße Kirsche, die du im Jahre stehst, wie die Liebe im Leben, die du die erste süße Erfüllung bist nach der seligen Verheißung der Blüte.

Die andern halten uns hin, Äpfel, Birnen, Zwetschgen, bis das Jahr schon weit wieder den Hang hat nach dem Herbst und Winter, du schaffst es in Monatfrist, du Liebling der Sonne! Andere brauchen ein Vierteljahr und drüber, bis in ihnen der Sommer den Zucker destilliert hat, der dein Fleisch schon heute füllt. Um so süß zu werden, wie du, muß die Traube oft bis an Allerheiligen draußen hängen. Zwar gibt sie, sagt sie, uns den Wein, aber du gibst uns den Kirsch, dessen. Seele über den Mokkatassen schwebt, geheimnisvoller und hinnehmender, als die Blume des Rieslings.

Du gemahnst uns an die ersten und letzten Dinge der Menschheit und an alles, was dazwischen liegt. Wir genießen dich, wie wir uns des Lebens freuen. Es wird uns jedesmal schwer, uns von dir zu trennen. Immer heißt es: Nur noch eine! Und war die letzte eine schöne, reife, süße, lippenrote, dann will man nicht aufhören, weil es so schön war, und man greift nach einer andern, ebenso süßen. War die letzte unreif und bitter, so will man nicht mit dem bittern Geschmack auf der Zunge Schluß machen und sucht erst recht nach einer ganz reifen. So geht es uns mit Leben und Tod. Frage einen, ob er mitten im Glück sterben möchte, so wird er nein sagen. Und frage ihn daseslbe im tiefsten Unglück, so wird er wiederum nein sagen und warten wollen, bis bessere Tage kommen, und dann wird er erst recht am Leben hängen.

Einst sah ich zwei Knaben Kirschen essen. Jeder hatte ein Pfund auf seinem Teller liegen. Der eine suchte sorgfältig die wenigst reifen heraus, aß sie zuerst und sparte die allerbesten bis zum Schluß auf. Der andere aß zuerst die reifsten und dann die bittern. Ich war überzeugt, daß diese Handlungsweise ein Licht auf den Charakter der beiden Knaben warf, und zog daraus Schlüsse in Betracht ihrer späteren Lebensschicksale. Der eine, der erste, wurde Weinreisender und heiratete eine reiche Witwe, die ihn sehr knapp hält, von dem andern weiß ich nur, daß er ein Jahr später an einer vernachlässigten Blinddarmentzündung starb. Der Arzt sagte, er hätte sie bekommen, weil er immer beim Kirschenessen die Kerne verschluckte. Das war mir nicht aufgefallen.

Der Schöpfer hat es für nötig gehalten, die Anziehungskraft der Kirsche durch die verlockendsten aller Farben noch zu erhöhen. Da die Freßlust der Amseln, Spatzen und Stare schon ohnedies vor nichts zurückschreckt, war eine extra Lockung wirklich überflüssig.

Dennoch freuen wir uns deiner Farben, o Kirsche! Ob es sich um das Glasrot der ersten Maikirschen oder der runden Sauerkirschen handelt, denen man unter die Haut in das nahezu flüssige Fleisch hineinsieht, oder um das strähnige Rot der Knorpelkirschen, oder den Zigeuneraugenglanz der schwarzen Kirsche, mit deren inbrünstig rotem Negerblut wir uns als Buben die Gesichter schauerlich färbten.

Es gab eine Zeit, wo die Kirsche ein wenig von oben herab als eine Kinder- und Frauenangelegenheit betrachtet wurde. Was ein richtiger Mann war, gab sich den Anschein, nur an starken und äußerst gewürzten Sachen Geschmack zu finden. Man hatte noch nicht den Mut seines Schleckermauls.

Heute hat die Kirsche ihren vollen Platz in der Reihe der allgemein anerkannten Genußmittel. Das Trintinger Tal ist das Mekka der Kirschenanbeter geworden, und Sonntag für Sonntag strömt es in Scharen hinaus.

Et nous chantons le temps des cerises!

Und Nachtigallen und Spottdrosseln feiern Kirmes.

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    Katalognummer BW-AK-015-3493