Du hast dieses Zeitungsblatt vielleicht in der Bahnhofsbibliothek gekauft - wenn Du es nicht aus Deinem Briefkasten als einzige Sonntagsbeute geholt hast und es überm Morgenkaffee liest - vielleicht sitzest Du im Zug und draußen fliegen die abgemähten Wiesen des Syrtales oder Röserbannes oder des Merscher-, des Sauer-, Clerf- oder Wiltztales vorüber - die Fischer stehen am Wasser entlang, vereinzelt arbeiten noch geplagte Bauern im Heu mit der Erlaubnis des Herrn Pfarrers - und Du fährst vergnügt in die Landschaft hinein, allein oder mit Frau und Kind oder mit Deinem appetitlichen Schatz - sie hat ihr dünnstes Sommerfähnchen und ihre seidensten Strümpfe an, und das Päckchen, das über ihr im Netz liegt, enthält außer der Büchse Sardinen, den harten Eiern und den Wasserwecken auch ihr seidenes Badekostümchen für den Fall, wo Ihr Euch wieder in einem Mühlenteich tummeln wollt - oder Du hast in einem guten Hotel oder irgendwo im trauten Verwandtenkreis ein frohes Mittagessen in Aussicht - und der Zug wiegt Euch alle in Sonntagsstimmung mit gelösten Gliedern und sauft gleitenden Gedanken dahin, alle Menschen um Euch sind fröhlich und pflichtenfrei - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Inzwischen drückt Er irgendwo auf staubiger oder teerduftender Landstraße zwischen Dünkirchen und Paris die Pedale. Sein Kopf hängt über die Leitstange, und in seinem Kopf spielen die Gedanken Nachlaufen oder Versteck. An was denkt er? Vorwärts oder rückwärts? An Mamer, an den Grand Galibier, an den Parc des Princes - und wieder an Mamer?
Genug, er schindet und plagt sich, während wir im laulichen Bad der Sonntagsruhe plätschern. Wieviele von den Tausenden, die heute klumpenweise unterwegs sind, denken an ihn und reden von ihm und sagen: Wo mag er jetzt dran sein?
Kleine Leute kochen mit Wasser. Wir feiern die Helden, die wir haben, und feiern sie um so lieber, als wir empfinden, daß sie unseres Wesens sind.
Worauf wir am stolzesten sind - die, die nicht in der Muskelanbetung aufgehen - das ist nicht in erster Linie, daß Nik Frantz „drücken“ kann, besser offenbar, als seine Konkurrenten. Wenn man es recht bedenkt, so leisten unsere Bauern in diesen Wochen des Arbeitshochdrucks tagtäglich vielleicht viel mehr Pferdekräfte an verbissener Arbeit, als ein Teilnehmer am Tour de France. Mit dem Kräfteaufwand, mit dem zwei Mäher „zu vrecks“ in Heu oder Korn hauen und sich die Fersen auszutreten suchen von Sonnenaufgang bis zur Abendglocke, wäre gut und gern eine der schwersten Etappen im „Tour de Souffrance“ zu bestreiten.
Das allein tut es nicht. Aber daß Nik Frantz, der Bauernsohn von Mamer, in der fortwährenden Berührung mit Kreisen, in denen Leichtlebigkeit und Bummel Trumpf sind, den Ballast seiner eingeborenen Erdenschwere nicht über Bord geworfen hat, daß er mit schlichter Selbstverständlichkeit an seiner Scholle festhält, daß er sich als einer von denen herausstellt, die in hartnäckigem Bergaufrollen zum Gipfel streben, daß er in einer Umwelt, in der das Geld noch immer gefährlich rund ist, eine Pflicht gegen die nationale Gesamtheit erfüllt durch das Zusammenhalten, das Zusammenballen, denen ein Land, wenn eins zum andern kommt, seinen Reichtum verdankt - alles in allem, daß Nik Frantz in der Gesamtheit, in die er hineingeboren ist, dank seiner Arbeit und dank seinem ernsten Bauernsinn seinen Platz ausfüllt und seine Furche zieht, das macht, daß er auf seinem Niveau ein Exponent unserer Rasse ist. Und da er als solcher vor der Welt mit Ehren besteht, dürfen wir uns freuen, wenn ihm der Endsieg beschieden wird. Daß er ihm zukommt, hat er längst bewiesen.