Aus den Memoiren eines Kanarienvogels.
Ich stamme aus einem der ältesten und adeligsten Kanariengeschlechter. Wir führen unsern Stammbaum zurück bis ins 15. Jahrhundert, wo ein Vorsahre aus Madeira nach Thüringen durch Liebesabenteuer verschlagen wurde.
Mein Vater war aus dem Harz, meine Mutter Belgierin, ich bin Luxemburger durch Option.
Damals lebte ich froh und zufrieden ganz für mich allein in einer vornehmen Villa an der Mosel. Die Menschen, die um mich herum waren, konnten nicht liebenswürdiger sein. Sie versahen mich reichlich mit Speise und Trank, hielten mir oft Gesellschaft und konnten dann furchtbar komisch sein. Sie stießen Töne aus, die völlig unverständlich waren und rauh klangen, trotzdem sie offenbar herzlich gut gemeint waren. Oft taten sie zärtlich zu mir und zirpten, als wollten sie sich in unserer Sprache ausdrücken. Wenn es mir zu bunt wurde, legte ich los, daß mir die Kehle zitterte, und dann lauschten sie entzückt und latschten auch wohl Beifall, und ich bekam extra ein Stück Zucker.
So flossen meine Tage ungetrübt dahin Eines Tages kam ein Spatz geflogen und pickte die Hirsekörner auf, die aus meinem Futterglas auf den Boden fielen. Der sagte, er finde es sonderbar, daß ich jahraus jahrein in einem Käfig sitze - so nannte er meine Villa - statt mich, wie er, uneingeschränkter Freiheit zu erfreuen.
„Freiheit?“ fragte ich. „Was ist Freiheit? Kann man das essen oder trinken? Jst es besser, als Hirse oder Wegerich?“
Er lachte schrill und tanzte auf einem Bein. „Freiheit!“ rief er. „Freiheit, das ist wenn man frei ist. Wenn man fliegen darf, wohin man will, von einem Baum, einem Dach, einem Roßapfel zum andern.“
„Was ist ein Roßapfel?“ frug ich wieder.
„Das kann ich dir alles nicht so im Detail erklären,“ sagte er. „Mach, daß du frei wirst, so geht dir erst das rechte Licht auf.“
„Jst es schöner, als die Sonne?“ frug ich.
„Die Menschen sagen, ein Narr kann mehr fragen, als sieben Weise beantworten können. Mach dich frei, das ist alles, was ich dir sagen kann.“
Eines Tages war an meiner Villa ein Fenster zerbrochen und durch ein Stück Zeitungspapier ersetzt. Es war mir ein Leichtes, durch das Papier hinauszugelangen.
Das also war die Freiheit!
Ich durfte fliegen, wohin ich wollte, ohne anzustoßen. Ich flog auf einen Baum, den ich schon immer von meiner Villa aus gesehen hatte. Er war auf einmal riesengroß. Es war alles so riesengroß, was früher so klein gewesen war. Immer, wenn man darauf zuflog, wuchs es auseinander, bis es einem die ganze Welt versteckte.
Mein Freund der Spatz, der mir die Freiheit in so hohen Tönen gepriesen hatte, brachte eine ganze Gesellschaft von Mitgliedern seiner Familie und von Buchfinken und stellte mich ihnen als neues Mitglied des Freiheitsbundes vor. Sie begrüßten mich stürmisch und sagten mir, wenn der graue Kater, der unten herumging, Miene mache, am Baumstamm heraufzuklettern, sei es höchste Zeit, sich dünne zu machen.
„Oh!“ sagte ich. „Das brauchte ich früher nicht, auf Kater aufzupassen. Gehört das auch zur Freiheit?“
„Jawohl!“ sagten sie Und ob ich glaube, man habe die Freiheit umsonst! Im Gegenteil, man müsse ihr Opfer bringen.
„Zum Beispiel?“
„Zum Beispiel muß man zur Not einen halben Tag hungern können.“
„Das brauchte ich nie. Ich wurde stets rechtzeitig und reichlich gefüttert.“
Sie sagten, es komme sogar vor, daß man lieber Hungers sterbe, statt auf seine Freiheit zu verzichten.
Ich sagte, das sei nicht mein Fall. Sie lachten schrill und ließen mich einsam auf dem riesengroßen Baum sitzen.
Unten schlich der graue Kater. Ich sah von fern meine Villa mit den goldnen Stöben und dem offenen Fenster, und die Menschen, die immer so gut zu mir waren, gingen mit traurigen Gesichtern herum und fragten einander, ob sie mich nicht gesehen hätten.
Es wurde Nacht. Die Freiheit wurde mir immer unheimlicher. Ich tat bis zum Morgengrauen kein Auge zu. Sobald es drunten lebendig wurde, flog ich zu meiner Villa und wartete, bis die Menschen kämen. Sie stießen Freudenschreie aus, als sie mich sahen und drückten mich lieb.
Seither wohne ich wieder in meiner schönen Villa, wo mir der Kater nichts anhaben kann.
Die Freiheit ist entschieden nichts für unsereins.