Als ich noch im Getöse der politischen Arena stand, kam eines Tages ein guter Bekannter zu mir und sagte, er werde bei den nächsten Kammerwahlen seine Kandidatur aufstellen, ob ich nicht so freundlich sein wolle, ihm sein Wahlzirkular zu verfassen.
Ich legte ihm aus der einschlägigen Schublade ein Dutzend Muster zur Auswahl vor, so wie man bei einem Sterbefall die trauernden Hinterbliebenen, die ihrem Schmerz unter den Anzeigen Ausdruck geben wollen, unter den üblichen Texten einen auswählen läßt.
Mein Bekannter sagte, einige davon gefielen ihm nicht übel, aber er wolle ein Zirkular, in dem das Wort Interesse nicht vorkommt. Es sei zu dumm, daß immer einer es dem andern nachbete, er werde die Interessen seiner Wähler durch dick und dünn vertreten usw., und ihre Interessen seien seine und seine Interessen seien ihre, und er werde sich jederzeit in erster Linie für ihre Interessen interessieren.
Ob ich es also übernehmen wolle, das alte Werbelied an die Wähler ohne die Wörter Interesse und interessieren zu singen.
Was wollen Sie, man war jung und leichtsinnig, man sprang mit beiden Füßen in jedes Abenteuer hinein. Ich sagte ja. Ich schwitzte Tage und Nächte durch, bis ich das Schriftstück zu Papter gebracht hatte. Ich kam mir vor, wie ein Hund an der Kette. Jedesmal, wenn ich mit Schwung aus dem Vollen heraus loslegen wollte, sprang die Kette straff und ich konnte nicht weiter.
Mein Bekannter erhielt 13 Stimmen. Er war von siebzehn Kandidaten der sechzehnte. Der siebzehnte war wiederholt wegen Diebstahls, Verführung Minderjähriger und Fischfrevels verurteilt gewesen und außerdem hatte sich herausgestellt, daß er nicht Luxemburger war.
Sie lachen. Aber versuchen Sie es einmal, um diese Wörter „Jnteresse“, „interessant“ und „interessieren“ mit Glimpf herumzukommen.
Ich dachte damals auch, ich bräuchte nur im Wörterbuch nachzuschlagen. Das erste Mal, wo sich mir das verflixte Wort quer über den Weg legte, griff ich schmunzelnd nach meinem Sax-Villatte und blätterte auf: Intérêt. - Da soll doch einer katzgrau werden! Steht da nicht als erste deutsche Übersetzung von „Intérêt“ das verdammte „Jnteresse“ und grinst mich an, grinst mich förmlich an, als freue es sich über mein verdutztes Gesicht. Interesse, Nutzen, Vorteil, Anteil, Teilnahme, Partei, Seite, Eigennutz, Zinsen. Ich bitte Sie, versuchen Sie doch einmal mit irgendeinem dieser platten Vokabeln einen Satz zu bilden, bei dem der Wähler warm wird. Zur Not könnte man ja einmal schreiben: Ich werde stets durch dick und dünn - envers et contre tout! - Ihren Vorteil wahrnehmen. Aber wie wollen Sie an dem Verbum „interessieren“ vorbei kommen! Sie können doch nicht sagen: Ich nütze, ich vorteile, ich eigennütze, ich zinse mich für alles, was Ihnen am Herzen liegt! Der rabiateste deutsche Purist muß da die Waffen strecken. Er hat bisher einen dürftigen kleinen Ersatz für Interesse gesunden: Belang. Und das ganze deutsche Schrifttum hat sich heißhungrig auf das Wort geworfen und es zu Tode gehetzt und dem Interesse, das ihm hatte weichen müssen, schadenfroh nachgegrinst. Nicht lange, denn ach wie bald stellte sich heraus, daß der Belang nur einen einzigen von den vielen Begriffen deckt, für den das Interesse vollwertig aufkommt. Das Wort ist wie ein Brillant mit vielen Facetten, oder wie ein Rucksack, in den eine ganze Haushaltung hineingeht.
Aber wer weiß, vielleicht erleben wir doch noch, daß Interesse, interessant und interessieren die Mohren sein werden, die ihre Schuldigkeit getan haben und gehen können. Verdeutschungen wie Tunke, Fahnenjunker, Kampfbahn, Anschrift, Schriftleiter klingen heute, als habe es nie eine Sauce, ein Stadion, eine Adresse, einen Redakteur usw. gegeben.
Vielleicht reden in zwanzig, fünfzig, hundert Jahren unsere Kandidaten zur Wählerschaft in Zirkularen - Verzeihung! Rundwerbeschreiben, in denen nicht ein einziges Mal das Wort Interesse mit Familie vorkommt.